• vom 04.05.2018, 09:00 Uhr

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Die Genauigkeit des Blicks




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Von Matthias Greuling

  • Eine längst überfällige Retrospektive widmet sich dem feinfühlig inszenierten Werk der viel zu jung verstorbenen Regisseurin Karin Brandauer.

Karin Brandauer am Set ihres Films "Erdsegen", 1986. - © Filmarchiv

Karin Brandauer am Set ihres Films "Erdsegen", 1986. © Filmarchiv

Karin Brandauer hat immer an die Ränder geblickt und auch nach hinten. Da, wo es ihrer Meinung nach etwas zu "bewältigen" gab, da hat sie nachgeforscht. Ihr Blick ist ein sachter, ein unaufgeregter gewesen, auch, wenn sie große Dramen abgebildet hat; genau darin, in dieser unplakativen Art, lag ihre Stärke. Die Regisseurin, die 1945 in Altaussee geboren wurde, heiratete mit 18 ihre Jugendliebe Klaus Maria Brandauer, nahm seinen Namen an und begann ihre Karriere hinter der Kamera erst, als sie die ihres Mannes kräftig unterstützt hatte. Karin Brandauer wurde nur 47 Jahre alt. Sie starb 1992 nach einer Krebserkrankung.

Zur Eröffnung der ersten Retrospektive zum Schaffen der außergewöhnlichen Regisseurin am 4. Mai (19.30 Uhr, Metro Kinokulturhaus in Wien) wird nicht nur das von Florian Widegger herausgegebene Buch "Karin Brandauer" aus der jungen Edition "Film Geschichte Österreich" vorgestellt, sondern der Abend wird auch in Anwesenheit von Klaus Maria Brandauer stattfinden. Zu sehen ist dann Brandauers Film "Sidonie" (1990), der nach Erich Hackls "Abschied von Sidonie" entstand. Der Film über ein Roma-Waisenmädchen, das die Wirren des NS-Regimes überlebte, markierte den Karrierehöhepunkt in Karin Brandauers Schaffen. Just an diesem Punkt, nach zahllosen Auszeichnungen für den Film, starb die Regisseurin "viel zu früh", wie auch Widegger findet. "Sich heute, etwa 25 Jahre später, mit ihren vielschichtigen, spannenden und überaus schönen Arbeiten wieder in konzentrierter Form befassen zu können, dazu lädt diese Retrospektive ein."


Widegger, der die Schau auch kuratiert hat, zeigt neben "Sidonie" auch weitere Schlüsselwerke aus dem mehr als 40 Filme umfassenden Oeuvre. Darunter "Einstweilen wird es Mittag" (1988), der die berühmte Sozialstudie "Die Arbeitslosen von Marienthal" von Marie Jahoda, Paul F. Lazarsfeld und Hans Zeisel in Bilder fasste und ein akkurates Sittenbild dieser in den 1930er Jahren durchgeführten Studie zu zeigen suchte.

Viele erzählerische Milieus
In der Peter-Rosegger-Verfilmung "Erdsegen" nach dem Buch von Felix Mitterer, mit dem sie öfter arbeitete, spürt Brandauer dem ländlichen Leben um 1900 nach und erweist sich spätestens ab diesem Film als genaue Chronistin des österreichischen Idioms in Sitte, Form, Sprache und Duktus. Sehr oft zieht es sie zurück in die Historie, sehr gern nimmt Brandauer sich realer Ereignisse an und arbeitet heraus, wie sehr diese in unser Heute strahlen. Dass Brandauer dabei erzählerisch mehrfach die Milieus gewechselt hat, vom Großbürgertum bis zur Unterschicht, zeigt, wie universell, wie allgemeingültig ihr Gespür für relevante Erzählungen war.

Ein Höhepunkt ihrer frühen Schaffensphase war 1982 die Schnitzler-Adaption "Der Weg ins Freie", in dem Klaus Maria Brandauer die Hauptrolle spielte und der von der Endzeitstimmung im Wiener Fin de Siècle berichtet. Karin Brandauer prolongierte einen gewissen filmischen Stil, der in den 1970er Jahren im ORF-Fernsehspiel bei Regisseuren wie Axel Corti, Wolfgang Glück oder Xaver Schwarzenberger das Bild eines reichhaltigen, kunstaffinen, aber sehr lokal geprägten Filmschaffens hervorbrachte. Nur waren ihre Arbeiten diesen einen kleinen Tick feinfühliger, sensitiver, genauer: Den Blick für das große Ganze hat sie bei ihrer Detailverliebtheit nie verloren.




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Dokument erstellt am 2018-05-03 16:24:35



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