Ein "Eldorado", das ist Europa für Flüchtlinge gewiss schon lange nicht mehr. Der Schweizer Regisseur Markus Imhoof hat genau deshalb seine Flüchtlingsdokumentation "Eldorado" genannt, weil er herausarbeiten will, wie junge, hoffnungsvolle Menschen nach Europa kommen, deren Träume spätestens an Bord der Rettungsschiffe platzen. Ein Gespräch mit dem Regisseur.

"Wiener Zeitung":Herr Imhoof, Sie haben sich schon Anfang der 1980er mit dem Flüchtlingsthema beschäftigt.

Markus Imhoof:In meinem Film "Das Boot ist voll" ging es darum, dass während des Zweiten Weltkriegs in der Schweiz Menschen, die aufgrund ihrer Rasse verfolgt wurden, nicht als Flüchtlinge anerkannt wurden. Jüdische Flüchtlinge wurden zurück über die Grenze geschickt - in den sicheren Tod. Der Film hat heftige Diskussionen ausgelöst, weil dieser Umstand wenig bekannt war. In "Das Boot ist voll" gab es gar keine Boote zu sehen. Und jetzt, in "Eldorado" und in der heutigen Zeit, haben viele das Gefühl, dass das Boot voll ist, und ich zeige wirklich sehr viele volle Boote. Das Thema ist ernster denn je. Aber nicht unser Boot ist voll, nicht wir ertrinken.

Was ist denn der große Unterschied zu früheren Flüchtlingsströmen?

Früher hatten wir das Gefühl, dass Flüchtlinge Menschen sind, weil man sie auch in den Familien aufgenommen und so am besten integrieren konnte. Es gab ganze Generationen von Gastarbeitern, die gut eingebunden wurden. Heute hat man leider das Gefühl, dass Flüchtlinge bloß Zahlen sind, mit denen man fertig werden muss.

Liegt das an den größeren Dimensionen der heutigen Flüchtlingswellen?

Die große Zahl an Flüchtlingen erschwert die Integration enorm, das ist klar. Es ist schon ein komisches Gefühl, wenn man - wie in "Eldorado" zu sehen ist - aus dem Meer gerettet wird und erst einmal eine Nummer ans Hemd angeheftet bekommt.

Wie schwierig ist es für Sie gewesen, überhaupt den Zugang zu einer solchen Operation auf dem Meer zu bekommen?

Die Organisation Mare Nostrum wurde nach einem verheerenden Unfall mit mehr als 500 Ertrunkenen vor Lampedusa gegründet. Davor gab es Abkommen zwischen Berlusconi und Gaddafi, die besagten, dass Gaddafi die Flüchtlinge behalten soll. Rettung auf dem Meer fiel damals unter Schlepperei. Die Marine hatte nun ein Interesse, dass ich ihre Arbeit dokumentiere, weil sie von rechts stark unter Druck stand und man ihr vorwarf, quasi einen Taxidienst auf dem Meer zu betreiben. Dennoch war es ein langes Prozedere, die Genehmigung zum Filmen zu erhalten.