Cannes ist auch der Ort der Regisseure, die mit schöner Regelmäßigkeit und ungeachtet der Qualität ihrer aktuellen Werke in den Wettbewerb eingeladen werden (auch Michael Haneke gehört dazu). Thierry Frémaux, langjähriger künstlerischer Leiter der Filmschau, hat eine "Erneuerung" des Festivals verkündet. In programmatischer Hinsicht kann er das aber nicht gemeint haben: Schon wieder neue Arbeiten von alten Croisette-Bekannten, darunter der Iraner Ashgar Farhadi (von ihm stammt der Eröffnungsfilm "Everybody Knows" mit Penelope Cruz und Javier Bardem), der Türke Nuri Bilge Ceylan, der Japaner Hirokazu Kore-eda oder der Chinese Jia Zhang-ke. Auch der Franzose Stephane Brizé und der Italiener Matteo Garrone waren schon da.

Jafar Panahi, im Iran wegen seiner systemkritischen Filme noch immer unter Hausarrest und mit 20 Jahren Berufsverbot belegt, schickt seinen Film "3 visages" in den Wettbewerb, ob er über Umwege doch anreisen kann, ist offen. Und natürlich Jean-Luc Godard, inzwischen 87, dessen neuer Film "Le Livre d’image" ebenfalls im Wettbewerb laufen wird. Das alles sieht, im Jahr eins nach #metoo, wieder mal nach einer Altherren-Veranstaltung aus, doch der Schein trügt. Das sonst so frauenscheue Festival hat doch tatsächlich drei Regisseurinnen in den Wettbewerb gehievt, nämlich die Französin Eva Husson, die Libanesin Nandine Labaki und die Italienerin Alba Rohrwacher, die sonst auch als Schauspielerin aktiv ist. Das verjüngt und behübscht den Wettbewerb, sagen jetzt die #metoo-Ignoranten. Aber werten wir es ruhig als ein leises Zeichen einer Veränderung.

Selfie-Verbot und
Einlass-Chaos

Während all die schwitzenden Männer der Crew noch damit befasst sind, die Planen mit dem Festival-Sujet der Küssenden am Gebäude anzubringen und festzuzurren, bevor die 71. Filmfestspiele am Dienstagabend eröffnet werden, spielt sich hinter den Kulissen bereits seit Monaten ein fiebriger Vorbereitungs-Marathon ab. Das Festival will sich nämlich auch in seiner Organisation erneuern. Dafür hat Frémaux die Idee geboren, am roten Teppich nicht nur ein (schwer zu ahndendes) Selfie-Verbot einzuführen, sondern auch der Presse (rund 4000 anwesende Journalisten aus aller Welt) das Vorrecht zu entziehen, die Filme am Morgen vor den eigentlichen Weltpremieren sehen zu können. So war bisher gewährleistet, dass die Print-Presse am Folgetag ihre ersten Kritiken mitsamt aktueller Abendfotos vom roten Teppich kombiniert veröffentlichen konnte. Seit dem Aufkommen der Sozialen Medien, insbesondere von Twitter, hat aber die Zahl derer, die ihre Meinung gleich nach der morgendlichen Pressevorführung in die Welt hinausposaunten, drastisch zugenommen - mit dem Effekt, dass die Abend-Gala keine wirkliche Premiere mehr war, weil jeder am roten Teppich schon wusste, ob die Presse den Film verrissen hatte oder ihn gut fand.

Dies zumindest ist der offizielle Sachverhalt, den Frémaux mit seiner Neuregelung umgehen will: Die Presse sieht den Film zeitgleich oder nach der offiziellen Premiere, und zwar in kleineren Sälen, was zu einigem Chaos am Einlass führen dürfte. Nach Bekanntgabe dieser Entscheidung erntete das Festival derart viel Gegenwind von der Presse, dass es sich zu einer eigens ausgesandten Erklärung veranlasst sah: Man sprach darin von "confettiartigen" Gerüchten, die durch die Sozialen Medien entstünden, von all der Publicity, die sich nicht mehr steuern ließe, und davon, dass die eigentlichen Premieren gar keine mehr wären. Insgesamt, so Frémaux, gäbe es durch die zusätzlichen Presse-Screenings nun sogar mehr Möglichkeiten, die Filme zu sehen, als je zuvor. Nur eben nicht vor der Premiere. Die nächsten Tage werden zeigen, wie hoch die Wogen in dieser Causa gehen werden. Mit einer sonst bei anderen Festivals üblichen Sperrfrist für Kritiken und Tweets will man es in Cannes gar nicht erst versuchen, denn das wäre bei einer solchen Anzahl von Journalisten schlicht und einfach "impossible". In Berlin oder Venedig funktionieren diese "Embargos" seit Jahren jedenfalls klaglos.

Bleibt noch die Frage, ob sich dieses Festival für alle Beteiligten überhaupt noch lohnt. Hat Frémaux bis zuletzt seinen offenen Kampf gegen Netflix geführt (Netflix-Filme ohne französischen Kinostart dürfen nicht im Wettbewerb laufen), so schlägt ihm nun eventuell auch die enorme Teuerung an der Croisette entgegen. Die vielen renovierten Restaurants und Lokale haben das Renovierungsbudget munter an die Kundschaft weitergegeben und die Preise mancherorts drastisch erhöht.

Die Revolution 2018 sähe darob so aus: Thierry Frémaux würde uns allen die Streaming-Links seiner Wettbewerbsfilme zuschicken, und wir schauen den Spaß daheim am Laptop an. Spart Kosten - und Ärger. Es lebe das Kino!