• vom 10.05.2018, 16:50 Uhr

Film


Festival Cannes

"Wir sind noch nicht tot"




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Von Matthias Greuling

  • In Cannes gab es zur Eröffnung Systemkritik - an der Politik und am Festival selbst.

Sergei Loznitsa aus der Ukraine zeigt in "Donbass" den Irrwitz des Ukraine-Konflikts.

Sergei Loznitsa aus der Ukraine zeigt in "Donbass" den Irrwitz des Ukraine-Konflikts.© Festival de Cannes Sergei Loznitsa aus der Ukraine zeigt in "Donbass" den Irrwitz des Ukraine-Konflikts.© Festival de Cannes

Cannes. Wer sich in Cannes sexuell belästigt fühlt, hat heuer erstmals die Möglichkeit, mit einem eigens zusammengestellten Krisenteam des Festivals Kontakt aufzunehmen und den Vorfall zu melden. Stolz hat Festivalchef Thierry Frémaux dies zu Beginn der Filmschau verkündet, wie auch die Tatsache, dass Cannes sich definitiv von ehemaligen, in Ungnade gefallenen Dauergästen wie Harvey Weinstein distanziert.

In Cannes greifen gerade die größten Änderungen seit Jahrzehnten, das alteingesessene Management hat Mühe, die Fassade vom elitären Filmfest aufrecht zu erhalten. Schon werden nicht nur die Journalisten frecher in ihren Fragen an Frémaux, einige fordern sogar Revolutionäres: Da geht ein Akkreditierter doch tatsächlich so weit und will gleiches Recht für alle Journalisten bei dieser Veranstaltung, die seit jeher ihre Gäste in Kategorien einteilt. Bunte Kärtchen, die um ihre Hälse baumeln, verraten die "Wichtigkeit" der Journalisten: Wer eine weiße oder rosa Karte hat, darf als erster ins Kino, mit Blau hat man noch gute Chancen auf einen Sitzplatz am Balkon, mit Gelb ist man als Anfänger abgestempelt und praktisch chancenlos. Eine Online-Petition will dieses Farbenspiel nun abgeschafft wissen, aber die Initiative ist wohl zum Scheitern verurteilt. Die Revolution geht natürlich von unten aus, und welcher Inhaber eines rosa Pressepasses würde die Petition freiwillig unterschreiben?


Hauch der Veränderung
Und so weht in Cannes allerorts so etwas wie ein Hauch der Veränderung durch die Gassen, auch im Filmprogramm. Da stehen gleich zwei Filme im Wettbewerb, deren Regisseure die Repressionen ihrer Heimatländer zu spüren bekommen: Jafar Panahi, wegen Regimekritik an seiner Heimat Iran mit 20 Jahren Berufsverbot belegt, wird hier in Kürze dennoch seinen neuen Film zeigen, ebenso wie der wegen angeblicher Veruntreuung von Subventionen unter Hausarrest stehende Russe Kirill Serebrennikov, gegen den in Russland ermittelt wird. Was Präsident Putin mit Bedauern hat ausrichten lassen: dass er sehr gerne geholfen hätte, Serebrennikov nach Cannes ausreisen zu lassen, dass er aber der Justiz leider nicht vorgreifen könne. Kopfschüttelndes Gelächter im Saal, als Frémaux diese Stellungnahme Putins im Saal vortrug.

Serebrennikov gilt Putin als Unbequemer, dabei werden seine Regiearbeiten am Theater und im Film weltweit gefeiert. Nach Cannes schickte er mit "Leto" ("Sommer") ein Porträt des Underground-Rockers Viktor Tsoi, das zugleich auch die frühen 1980er Jahre im Russland der Prä-Perestroika-Ära skizziert. Ein anderer Regisseur, Sergei Loznitsa aus der Ukraine, thematisiert in "Donbass" (in der Reihe "Un certain regard") den Irrwitz des Ukraine-Konflikts und die Auswirkungen allseitiger Propaganda, die so lange perpetuiert wird, bis sie als Wahrheit dasteht. Beide Filmemacher blicken mit Akribie auf die Zeitgeschichte ihrer Länder, auf das Verhältnis Russlands zum eigenen Kollaps und zu den inzwischen Jahrzehnte andauernden Nachwehen.

Vielfache Widerstände
Auch an anderen Fronten sieht sich Cannes mit Widerständen konfrontiert. Neben dem Streit um Netflix, der eine Teilnahme von Filmen aus diesem Hause in Cannes verunmöglicht (die "Wiener Zeitung" berichtete), hat das Festival auch einen Prozess vor Gericht gewonnen: Das endlich fertige Langzeitprojekt von Regisseur Terry Gilliam, "The Man Who Killed Don Quixote", das bereits im Jahr 2000 begonnen wurde, darf nun doch zum Abschluss der Filmschau aufgeführt werden. Die Gerichte hatten eine einstweilige Verfügung des spanischen Produzenten Paolo Branco abgewiesen. Brancos Firma sollte den Film finanzieren und auch die Rechte erhalten. Nachdem Branco jedoch nie gezahlt haben soll, hat Gilliam den Film mit anderen Geldgebern finanziert. Zugleich soll Gilliam vergangene Woche einen leichten Schlaganfall erlitten haben und musste im Krankenhaus bleiben. Von dort vermeldete er allerdings nach dem Sieg vor Gericht: "Wir sind noch nicht tot. Wir kommen nach Cannes."

Turbulente Tage also an der Croisette. Gilliams Motto "Wir sind noch nicht tot" könnte auch für Cannes gelten. Das Festival steht vor großen Veränderungen, aber man weiß noch nicht, wohin diese es treiben werden.




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Festival Cannes, Film

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Dokument erstellt am 2018-05-10 16:54:58


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