Der langjährige Festivalchef Thierry Frémaux. - © Foto: Katharina Sartena
Der langjährige Festivalchef Thierry Frémaux. - © Foto: Katharina Sartena

Alle reden von den großen Veränderungen, die das Festival von Cannes heuer durchlebt. Doch worin bestehen diese eigentlich? Das hat der langjährige Festivalchef Thierry Frémaux bei einem eigens einberufenen Presse-Briefing den anwesenden Journalisten mitgeteilt.

Frémaux über den Wettbewerb 2018 und seine Zusammensetzung, in Hinblick auf weibliche Filmemacher:

"Wir haben heuer ein tolles Programm mit sehr vielen neuen und jungen Talenten, darunter auch etliche Regisseurinnen. Cannes war immer ausgewogen, jedoch muss man auch sehen, wie viele Regisseurinnen es gibt. Ich will Filme nach ihrer Qualität aussuchen und nicht daran messen, ob der Film von einem Mann oder einer Frau gemacht wurde. Man muss sehen, dass nur sieben Prozent aller Regisseure im Filmbusiness Frauen sind. Insofern sind Frauen mit in diesem Jahr gleich drei Filmen im Cannes-Wettbewerb um die Goldene Palme überaus stark vertreten. Ich finde, dass das Problem dieser Ungleichheit im Regisseursberuf viel früher anfängt und dort auch angegangen werden muss: In den Filmschulen. Dort gibt es viele Frauen, die Regie studieren, aber im Berufsleben kommen dann nur sehr wenige an. Das ist das wirkliche Problem, das dann bei einem Festival wie Cannes sichtbar wird".

Über das Selfie-Verbot am roten Teppich:

"Das Selfie-Verbot hatte wirklich nur simple logistische Gründe. Stellen Sie sich vor, es gehen 2500 Menschen über den roten Teppich - und wir wollen, dass diese Menschen über den Teppich gehen - von den Gästen über die Journalisten - , weil wir diese Erfahrung gern mit allen teilen wollen. Wenn nun aber jeder dieser Gäste ein Selfie macht, dann brauchen wir mit dem Film gar nicht mehr anzufangen, weil das so lange dauern würde, bis alle drin sind. Glauben Sie mir, ich habe unzählige Leute gesehen, die beim Selfie-Machen ganz unglücklich über unsere Treppen gestürzt sind. Und wirklich: Es ist nicht die Hauptsache, denn in Cannes geht es um die Filme. Nicht um Selfies am roten Teppich. Lassen Sie uns die Filme feiern!"

Über die überraschende Verlegung der Pressevorstellungen:

"Wir haben uns entschieden, die Pressevorführungen nicht mehr vor den Galapremieren anzusetzen, damit dem eigentlichen Event wieder mehr Bedeutung beikommt. Nach den Pressevorstellungen gab es durch die Ankunft der sozialen Medien in den letzten Jahren immer mehr Twitter- oder Facebook-Meldungen, die direkt nach dem Screening in die Welt hinaus geschickt wurden. Das war kontraproduktiv für die eigentliche Premiere des Films am Abend, die gar keine richtige Premiere mehr war, nachdem die ganze Welt schon wusste, wie der Film ist. Ich glaube, das gibt dem Kino auch wieder mehr die Bedeutung zurück, die es verdient: Nämlich, dass der Fokus auf der festlichen Premiere liegt, die dann auch wirklich eine Erstaufführung ist."

Über den Konflikt mit Netflix:

"Wir haben uns entschieden, Filme von Netflix nicht in den Wettbewerb des Festivals von Cannes aufzunehmen, solange Netflix darauf beharrt, die Filme sofort online auszuwerten. Unsere Statuten besagen, dass Filme im Cannes-Bewerb frühestens drei Jahre nach ihrer Uraufführung online verfügbar gemacht werden dürfen. Daran wollen wir festhalten, weil wir das Kino als Ort der gemeinsamen Filmerfahrung feiern wollen. Ich glaube, dass sowohl Netflix als auch Amazon ebenso das Kino feiern wollen, das Kino ist heute mehr denn je im Fokus der Unterhaltungswelt. Ein Festival muss sich stets an neue Entwicklungen anpassen. Man muss vorwärts gehen, das nie Gesehene zeigen und auch Experimente zulassen. Man muss in Frage stellen und man muss Fehler machen. Wir haben im Vorjahr Netflix-Produktionen gezeigt und zeigen heuer keine. Wir sind in einem Dialog, die Türen sind offen, nicht zu."