Cannes. Vor sieben Jahren flog Lars von Trier wegen seiner provokanten Äußerung, er sei ein Nazi und wisse, wie Hitler sich im Bunker gefühlt haben muss, aus dem Festival von Cannes und wurde zur Persona non grata erklärt. Dieses Jahr feiert er seine Rückkehr an die Croisette, fast schon zärtlich umarmt von Festivalchef Thierry Frémaux vor der Premiere seines neuen Films "The House That Jack Built", hier außerhalb des Wettbewerbs gelaufen. Der Film zeigt, dass der dänische Regisseur nichts von seiner Provokationskraft verloren hat; immer noch treiben ihn seltsame Dämonen an, die schon bisher maßgeblich an von Triers Filmografie mitgeschrieben haben.

Die Abgründe, die er diesmal öffnet, könnten brutaler nicht sein: Es geht um einen Serienmörder, Jack (Matt Dillon), aus dessen Perspektive von Trier eine Orgie der Gewalt schildert. 60 Tote hat Jack schon auf dem Gewissen, jetzt erzählt er einem lange nicht ins Bild kommenden Gegenüber (Bruno Ganz) davon - eine Beichtsituation, die von Trier schon in "Nymphomaniac" etabliert hat, wie er überhaupt aus seinem gesamten Oeuvre schamlos sich selbst zitiert, mit Einstellungen, die man schon so oder ähnlich gesehen hat. Es ist wie die Summe aller Filme, die Lars von Trier je gemacht hat, es ist wie die Summe aller Abgründe, in die er und sein Publikum je geblickt haben.

Die Spitze der Grauslichkeiten

Uma Thurman wird bei einer Autopanne von Jack mitgenommen, und gleich blutig mit dem Wagenheber erschlagen. Symbolische Bilder verknüpfen diesen Mord mit der Kunstwelt, weiterführend wird von Trier hier viele Register ziehen, von denen etliche zu etwas führen, andere ins Leere laufen, immer aber die maximale Provokation angestrebt scheint. Es ist, als ob Lars von Trier mordend durch die Straßen zieht und am Ende sagen will: Ist doch nur ein Film. Ein Film als Selbstporträt seines Schöpfers? Zumindest geht von Trier an die letzten moralischen Grenzen unserer Zivilisation, nämlich, als er in aller Explizität auch einen Kindermord herzeigt, so direkt, dass viele Zuschauer den Saal verließen. Nicht einmal in Michael Hanekes "Funny Games" war das so unfassbar.

"Einen Film über einen bösen Mann" nennt der Regisseur sein Werk, und ja, das trifft zu; auch setzt sich "The House That Jack Built" mühelos an die Spitze der Grauslichkeiten aus dem Werk des Dänen. Aber die Vielschichtigkeit dieses Films will erst noch entschlüsselt werden, dafür reicht ein einmaliges Sehen nicht aus.

Ohne viel doppelten Boden kommt Spike Lee in "BlacKkKlansman" aus (im Wettbewerb). In seinem Drama mit launiger Note verarbeitet Lee sämtliche rassistische Klischees - und Wahrheiten - dieser Welt: Ein junger schwarzer Polizist (Denzel Washingtons Sohn John David Washington) will in den späten 70er Jahren einen lokalen Zweig des Ku-Klux-Klans infiltrieren, braucht dazu aber natürlich ein weißes Alter Ego, das er in seinem Kollegen Flip (Adam Driver) findet. Die verdeckte Ermittlung geht lange gut und gebiert erstaunlich leichtfüßig viele komische, aber umso treffendere Szenerien entlang der Geschmacklosigkeit des Alltagsrassismus in den USA. Spike Lee greift auch direkt die Slogans der Trump-Bewegung auf und kontrastiert sie mit den realen TV-Bildern der jüngsten Rassenunruhen.

"BlacKkKlansman" ist der erste wirkliche Favorit auf einen der Hauptpreise bei diesem Festival: Spike Lee, dieser umstrittene Provokateur, hat es auch nicht verlernt: das Provozieren. Es ist in der heutigen hysterischen Zeit vielleicht wichtiger denn je. Sonst wird man nicht mehr gehört.