• vom 16.05.2018, 16:57 Uhr

Film


Festival Cannes

Das Provozieren nicht verlernt




  • Artikel
  • Lesenswert (8)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Matthias Greuling

  • Beim Filmfestival von Cannes erregen neue Arbeiten von Lars von Trier und Spike Lee die Gemüter.

Klischee und Wahrheit: Spike Lees "BlacKkKlansman". - © Festival Cannes

Klischee und Wahrheit: Spike Lees "BlacKkKlansman". © Festival Cannes

Cannes. Vor sieben Jahren flog Lars von Trier wegen seiner provokanten Äußerung, er sei ein Nazi und wisse, wie Hitler sich im Bunker gefühlt haben muss, aus dem Festival von Cannes und wurde zur Persona non grata erklärt. Dieses Jahr feiert er seine Rückkehr an die Croisette, fast schon zärtlich umarmt von Festivalchef Thierry Frémaux vor der Premiere seines neuen Films "The House That Jack Built", hier außerhalb des Wettbewerbs gelaufen. Der Film zeigt, dass der dänische Regisseur nichts von seiner Provokationskraft verloren hat; immer noch treiben ihn seltsame Dämonen an, die schon bisher maßgeblich an von Triers Filmografie mitgeschrieben haben.

Die Abgründe, die er diesmal öffnet, könnten brutaler nicht sein: Es geht um einen Serienmörder, Jack (Matt Dillon), aus dessen Perspektive von Trier eine Orgie der Gewalt schildert. 60 Tote hat Jack schon auf dem Gewissen, jetzt erzählt er einem lange nicht ins Bild kommenden Gegenüber (Bruno Ganz) davon - eine Beichtsituation, die von Trier schon in "Nymphomaniac" etabliert hat, wie er überhaupt aus seinem gesamten Oeuvre schamlos sich selbst zitiert, mit Einstellungen, die man schon so oder ähnlich gesehen hat. Es ist wie die Summe aller Filme, die Lars von Trier je gemacht hat, es ist wie die Summe aller Abgründe, in die er und sein Publikum je geblickt haben.


Die Spitze der Grauslichkeiten
Uma Thurman wird bei einer Autopanne von Jack mitgenommen, und gleich blutig mit dem Wagenheber erschlagen. Symbolische Bilder verknüpfen diesen Mord mit der Kunstwelt, weiterführend wird von Trier hier viele Register ziehen, von denen etliche zu etwas führen, andere ins Leere laufen, immer aber die maximale Provokation angestrebt scheint. Es ist, als ob Lars von Trier mordend durch die Straßen zieht und am Ende sagen will: Ist doch nur ein Film. Ein Film als Selbstporträt seines Schöpfers? Zumindest geht von Trier an die letzten moralischen Grenzen unserer Zivilisation, nämlich, als er in aller Explizität auch einen Kindermord herzeigt, so direkt, dass viele Zuschauer den Saal verließen. Nicht einmal in Michael Hanekes "Funny Games" war das so unfassbar.

"Einen Film über einen bösen Mann" nennt der Regisseur sein Werk, und ja, das trifft zu; auch setzt sich "The House That Jack Built" mühelos an die Spitze der Grauslichkeiten aus dem Werk des Dänen. Aber die Vielschichtigkeit dieses Films will erst noch entschlüsselt werden, dafür reicht ein einmaliges Sehen nicht aus.

Ohne viel doppelten Boden kommt Spike Lee in "BlacKkKlansman" aus (im Wettbewerb). In seinem Drama mit launiger Note verarbeitet Lee sämtliche rassistische Klischees - und Wahrheiten - dieser Welt: Ein junger schwarzer Polizist (Denzel Washingtons Sohn John David Washington) will in den späten 70er Jahren einen lokalen Zweig des Ku-Klux-Klans infiltrieren, braucht dazu aber natürlich ein weißes Alter Ego, das er in seinem Kollegen Flip (Adam Driver) findet. Die verdeckte Ermittlung geht lange gut und gebiert erstaunlich leichtfüßig viele komische, aber umso treffendere Szenerien entlang der Geschmacklosigkeit des Alltagsrassismus in den USA. Spike Lee greift auch direkt die Slogans der Trump-Bewegung auf und kontrastiert sie mit den realen TV-Bildern der jüngsten Rassenunruhen.

"BlacKkKlansman" ist der erste wirkliche Favorit auf einen der Hauptpreise bei diesem Festival: Spike Lee, dieser umstrittene Provokateur, hat es auch nicht verlernt: das Provozieren. Es ist in der heutigen hysterischen Zeit vielleicht wichtiger denn je. Sonst wird man nicht mehr gehört.




Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-16 17:03:53


Filmkritik

Liebe und Literatur

Lily James in der Rolle der aufgeschlossenen Juliet Ashton. - © Studiocanal Die amerikanische Bibliotheks- und Verlagsangestellte Mary Ann Shaffer wollte nach vielen Arbeitsjahren ihren Traum verwirklichen, selbst zu schreiben... weiter




Filmkritik

Wie man ein Fest feiert

Die Goldene Hochzeit von Alba (Stefania Sandrelli, stehend hinten) und Pietro (Ivano Marescotti) als Familienzusammenführung. - © Filmladen Wenn es etwas gibt, dass die Italiener besonders gut können, dann ist das Mode, Möbel, Caffè und quirlig-hysterische Filmkomödien... weiter




Marvel-Universum

Helden aus der zweiten Reihe

Neues aus dem Marvel-Universum: Paul Rudd erobert wieder als Ant-Man die Leinwand. - © Film Frame, Marvel Studios 2018 Im 20. Film aus dem "Marvel Cinematic Universe" (MCU), das, dereinst am Reißbrett entworfen, allen Helden aus dem Marvel-Comicuniversum einen eigenen... weiter





Werbung



Meinung

Im Zweifel taub stellen

Wer einmal im British Museum in London war, weiß, was Sammeln um jeden Preis bedeutet. Kaum eine Ecke der Welt, aus der das Museum nicht einen... weiter





Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Trump ermuntert Diktatoren"
  2. Maria und Maryam
  3. Gesamte Vice-Redaktion verlässt Medium
  4. Poppea mit neuem Dreh
  5. ORF spränge nur bei Kostenübernahme ein
Meistkommentiert
  1. Lieber Ed, gib uns ein WC
  2. "Schwarz in Wien" wird nicht ausgestrahlt
  3. zwetschgerl
  4. Von der Angst in die Lust
  5. Mission staufreies Paris

DVD & Bluray

The 100, Staffel 4

- © Warner Weil die Atomreaktoren auf der Erde schmelzen und bald ein Inferno auslösen werden, fragen sich die Überlebenden, wofür sie angesichts des nahenden... weiter




DVD & Bluray

Berlin Falling

- © Warner Der Ex-Elitesoldat Frank kann seine Kriegserlebnisse nicht abschütteln und dröhnt sich zwecks Vergangenheitsbewältigung mit Alkohol zu... weiter





Sean Godwells Entwurf einer Kapelle erinnert beim ersten Auftritt des Vatikans auf der Architekturbiennale in Venedig auf den ersten Blick an einen aufklappbaren Würstelstand.

Shepard Fairey vor seinem Mural am Wiener Flughafen. Eleni Foureira aus Zypern während ihres Probe-Auftritts in Lissabon. 

Das Siegerfoto mit dem Titel "Venezuela Krise", es zeigt einen 28-jährigen Mann mit brennendem Oberkörper während heftiger Proteste gegen Präsident Nicolas Maduro in Caracas im Mai 2017.  Romy Schneider wurde am 23. September 1938 als Rosemarie Magdalena Albach in Wien geboren. Die Schauspielerei ist ihr in die Wiege gelegt geworden: Ihre Eltern und sogar ihr Ururgroßvater waren Schauspieler. Ihren Künstlernamen verwendete sie kurz nach ihrer ersten Filmrolle in den 1950ern.

Quiz




Werbung