Istanbul. Die Gaunerin Sari hat sich aufs Betteln spezialisiert. Sie streift rund um den Galata-Turm, auf der Suche nach etwas Essbarem. Duman hingegen ist viel zu stolz für Almosen, er äußert seine Wünsche durch ein zartes Kratzen an der Tür - und der nachtaktive Aslan wird satt, indem er in der Dunkelheit Ratten jagt.

Der türkische Dokumentarfilm "Kedi" (Katze) ist eine Hommage an die Leisetreter. Mit rührenden Bildern erzählt Regisseurin Ceyda Torun von den Streunern in Istanbul und lässt die Menschen über sie erzählen, die sich mit Hingabe um ihre Nachbarn kümmern. Wenn Hilary Sable auf den Film angesprochen wird, dann muss sie sich, jedenfalls sagt sie das, "fast übergeben". Der Film suggeriere, dass sich alle Istanbuler um die Katzen kümmern. "Bullshit", sagt die britische Tierschützerin. "Der Film zeigt ein schönes Postkartenmotiv, und leugnet all die hässlichen Umstände, unter denen die Tiere hier zu leiden haben." Denn tatsächlich würden viele Tiere auch misshandelt oder getötet. Und weil die Stadtverwaltung mit all den Straßenkatzen nicht mehr fertig werde, würden viele im Wald ausgesetzt.

Buntes Haar und
schriller Schmuck

Die Londonerin fällt auf: buntes Haar, schriller Schmuck mit Katzen-Motiven, lautes Lachen und entschlossener Schritt. Sable unterbricht das Gespräch immer wieder, um vor die Tür des Cafés zu gehen und mit einer Katze zu spielen. Wenn sie durch die Straßen von Cihangir spaziert, einem Viertel auf der europäischen Seite der Stadt, dann folgen ihr immer mehrere Katzen. Seit 2005 lebt die 63 Jahre alte Englischlehrerin am Bosporus, 2011 gründete sie ihre Gruppe "Cihangir Cool for Cats". Ihre Aktionen werden durch Spenden von Privatleuten finanziert. Sie verteilt Katzenfutter in ihrem Kiez, fängt Tiere ein, um sie kastrieren oder impfen zu lassen, und versucht für die Heimatlosen ein Zuhause zu finden.

"Meine Leidenschaft für Katzen habe ich erst hier entdeckt", sagt sie. Als sie zwei blinde Kätzchen fand, wurde sie zur Katzenschützerin. Es ist ein zwiespältiges Verhältnis, das die Istanbuler zu den Straßenkatzen haben. Man sieht sie überall, ob in den wohlhabenden Vierteln, der historischen Altstadt oder in den primitiven Gecekondular - eingerollte mehrfarbige Pelzkugeln, die sich sanft heben und senken, schnurrend durch die Gassen ziehen oder sich fauchend auf dem Trottoir streiten. Die Hagia Sophia hat sogar ihre eigenen Hauskatzen.

Wer nachts bei offenem Fenster schläft, hört sie im Müll stöbern. Hunderttausende herrenlose Tiere leben in der 15-Millionen-Stadt - so viele wie vermutlich in keiner anderen europäischen Metropole. Zwar lassen die Menschen die Tiere nicht in ihre Wohnungen, doch oft kümmern sie sich um die streunenden Mäusefänger in ihrer Nachbarschaft. Überall in der Stadt verteilt stehen mehrstöckige kleine Holzhäuschen, von den kommunalen Verwaltungen zur Verfügung gestellt. In diesen liebevoll bunt angestrichenen Behausungen finden die Tiere Unterschlupf, davor stellen die Anwohner Näpfe mit frischem Wasser oder mit Trockenfutter.