Shirin Neshat zählt seit ihrer Fotoserie "Women of Allah", bei der sie mit persischen Gedichten beschriebene Frauenhände zeigte, zu den Lieblingen der internationalen Kunstszene; seit 2009 hat sie ihr Spektrum auch auf das Medium Film ausgeweitet: Ihr Debüt "Women Without Men" wurde damals mit einem Silbernen Löwen beim Filmfestival von Venedig bedacht. Nun hat die 61-jährige Künstlerin, die in New York lebt, für ihren zweiten Film "Auf der Suche nach Oum Kulthum" (ab Freitag im Kino) die in Ägypten wie eine Heilige verehrte Sängerin Oum Kulthum porträtiert. Ziemlich verwegen für eine Iranerin, so etwas zu tun. "Ich stellte mir schon die Frage, wie ich diese Frau zeigen sollte, zumal ich kein Wort Arabisch spreche und mich mit der Größe der Produktion überfordert sah", sagt Shirin Neshat. "Aber in mir gibt es diese feministische Ader, die dem Publikum zeigen will, dass der beliebteste Künstler des 20. Jahrhunderts im Nahen Osten eine Frau war. Und zwar mit Abstand!" Der Kult, der um Oum Kulthum betrieben wurde, ist jedenfalls gigantisch: Sie konnte mit ihrem Gesang alle Religionen und Kulturen begeistern, allein vier Millionen Menschen waren bei ihrem Begräbnis 1975 anwesend.

Diskurs über Nahen Osten

Neshat arbeitet in ihrem Film heraus, dass der Nahe Osten nicht bloß "ein Haufen barbarischer Fanatiker" ist, sondern will zeigen, "dass es in diesen Ländern kosmopolitisches Denken und eine reichhaltige Kultur gibt. Ich will diese Kulturen feiern, denn sie sind ein großer Teil unserer Identität. In der medialen Darstellung im Westen ist der Nahe Osten bloß reduziert auf eine Verallgemeinerung, die so nicht stimmt".

Im Film, der an Schauplätzen in Wien und Marokko gedreht wurde, ist Shirin Neshat als Figur auch präsent, nämlich in Gestalt von Nitra, einer persischen Regisseurin, die Oum Kulthum porträtieren und die Opfer und Anstrengungen erforschen will, die den Erfolg von Kulthum in einer patriarchalen Gesellschaft ermöglicht haben. Doch sie stößt auf Probleme, die das Brechen mit Konventionen und Überschreiten von Grenzen mit sich bringen. "Ich habe versucht, die Welt von Oum durch ihre Augen zu sehen; wir haben ähnliche Hintergründe: Wir mussten beide unseren Platz in männerdominierten Gesellschaften suchen und finden. Es war ein harter Kampf", sagt Neshat.

Die Figur der Oum Kulthum zeigt Neshat als kompromisslose Frau, der die Kunst immer wichtiger war als alles andere: Ihre Ehe war eine Scheinehe - und brachte ihr mehr Freiheiten. Kinder hatte sie keine, heute ist bekannt, dass sie lesbisch war. Aus ärmlichen Verhältnissen stammend, trat sie schon als Bub verkleidet mit Vater und Bruder auf. Sie sang aus dem Koran, das brachte ihr viele Fans bei den Konservativen. In Kairo trat sie mit mystischen Klängen auf, sang doppeldeutige Texte, gab sich geheimnisvoll.

Später wurde Oum Kulthum immer glamouröser, sie suchte die Nähe zu König Faruk, und sie schritt tapfer durch die tiefe ägyptische Krise, die der Krieg mit Israel brachte. "Oum war eine Patriotin und sang sogar die Nationalhymne", so Shirin Neshat. "Sie hatte es von einer einfachen Bauerstochter zu einer Gestalt gebracht, die fast königlich wirkte. Und mit ihrem Gesang gab sie ihrem Volk seine Würde zurück."

Kunst als Instrument

Dass Oum Kulthum sich für den Frieden im Nahen Osten einsetzte, ist vor allem auf einer menschlichen Seite von Erfolg gekrönt gewesen. "Wir Künstler sprechen mit unserer Kunst die Menschen direkt an und dringen in ihre Gefühlswelt ein", sagt Neshat. "Deshalb ist die Kunst ein so wichtiges Instrument für unterdrückte Gesellschaften". Auch und gerade die Rolle der Frau ist dabei wesentlich, findet die Künstlerin. "Gerade die persischen Frauen sind unglaublich hart im Nehmen. Je mehr man sie in die Ecke drängt, desto kämpferischer zeigen sie sich. Ich empfinde das als eine sehr positive Entwicklung."