• vom 22.06.2018, 07:30 Uhr

Film

Update: 22.06.2018, 08:08 Uhr

Peter Simonischek

Worüber man nicht sprach




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Von Matthias Greuling

  • Peter Simonischek über NS-Aufarbeitung, seinen Film "Dolmetscher" und Gefahren von rechts.

Düstere Aussichten: Peter Simonischek spielt in "Dolmetscher" den Sohn eines Nazi-Verbrechers.

Düstere Aussichten: Peter Simonischek spielt in "Dolmetscher" den Sohn eines Nazi-Verbrechers.© Filmladen Düstere Aussichten: Peter Simonischek spielt in "Dolmetscher" den Sohn eines Nazi-Verbrechers.© Filmladen

Ein tief sitzender Schmerz über den Verlust der Eltern im mörderischen NS-Regime treibt den 80-jährigen Dolmetscher Ali Ungár (Jirí Menzel) aus Bratislava um; er will die Mörder seiner Eltern zur Strecke bringen, doch selbstredend findet er bei seiner Wien-Reise nicht mehr den bereits verblichenen SS-Offizier Kurt Graubner vor, sondern bloß dessen Sohn Georg (Peter Simonischek). Dieser ist ein Lebemann und steht stark im Kontrast zu Alis Schwermut. Gemeinsam machen sie sich auf, um in der Slowakei den Umständen früherer Tage nachzuspüren.

"Dolmetscher" (derzeit im Kino) von Regisseur Martin Šulík, entstand als österreichisch-slowakische Koproduktion. "Ich war von der Idee fasziniert, dass ein Sohn die dunkle Vergangenheit seines Vaters zu verstehen versucht", sagt Šulík. "Ich dachte, dass es durch eine derart aufgebaute Geschichte möglich wird, über Ereignisse nachzudenken, welche die Slowakei heute noch trennen. Waren wir nur Opfer der faschistischen Aggression während des Krieges, oder haben auch wir gemordet? Was ist unsere Verantwortung für die Geschehnisse während des Krieges in unserem Land?"

Auch Peter Simonischek hält derlei Fragen für wesentlich, wie er im Gespräch verriet. "Der Film will zeigen, dass viele von uns schon zu bequem geworden sind, um sich aus ihren Sesseln zu erheben und Dingen auf den Grund zu gehen. Er zeigt, dass das nicht so sein muss, denn man kann auch im Alter noch versuchen, die Wahrheit zu finden. Und gerade in Zeiten wie diesen, in denen wieder so viel gelogen wird, ist es wichtig, die Wahrheit zu suchen. Inzwischen gibt es ja Wahrheit und alternative Wahrheiten. Ein unfassbarer Zynismus, der da herrscht."

Auch Simonischek selbst hat noch die Bilder aus der Jugend im Kopf, in denen die NS-Zeit aufgearbeitet wurde, oder besser gesagt: In denen sie totgeschwiegen wurde. "In der Schule haben wir nichts gelernt darüber. Mein Unterricht endete mit dem Ersten Weltkrieg. Es wurde kein Wort über den Zweiten Weltkrieg verloren, nichts, gar nichts. Über die Zeit wurde überhaupt nicht geredet", so Simonischek, für den die Aufarbeitung der österreichischen Vergangenheit ohnehin viel zu spät begonnen hat.

Alles ist besser als Krieg

"Der Krieg hat viele Mechanismen", so der Schauspieler. "Aber das Erste, was auf der Strecke bleibt, ist immer die Wahrheit. Und heute wird schon wieder so viel gelogen, dass man richtig Schiss bekommt. Mein Vater sagte mir diesen Satz: ‚Alles ist besser als Krieg.‘ Mein Großvater war nach dem Krieg einmal mit mir im Kino, das war in den 50ern, vielleicht war ich damals zehn Jahre alt. Da sah ich einen Film, der die Befreiung von Auschwitz und die Judenverfolgung zeigte. Ich will nicht sagen, dass ich das als Kind wirklich verstanden habe, was da passierte. Aber ich war nicht jemand, der erst auf Waldheim warten musste, bis er diese Sachen zur Kenntnis genommen hat."

Das Problem jeder Aufarbeitung ist dabei, dass man sich ihr stellen muss: "Die Verzerrung von historischen Ereignissen war immer schon eines der einfachsten Mittel gesellschaftlicher Manipulation", sagt Drehbuchautor Marek Lescák. "Wenn wir unsere Erinnerung verlieren, wissen wir nicht, wer wir sind, wir werden zu Narren, die leicht manipuliert werden können. Wir wissen nicht, was wir fürchten sollen und zur gleichen Zeit wissen wir nicht mit welchen Werten wir uns identifizieren sollen."

Weshalb Simonischek zu mahnender Wachsamkeit rät, angesichts des Erstarkens rechter politischer Kräfte in Europa. Er bekennt aber auch: "Ich war mein ganzes Leben lang links. Aber was daraus geworden ist, ist ebenfalls ernüchternd. Sowohl im Kommunismus als auch anderswo. Den Rest hat mir der letzte Wahlkampf gegeben, das muss ich ganz ehrlich sagen", sagt er. "Jetzt muss man einmal genau hinschauen. Jetzt werden wir sehen, welche Instrumente gespielt werden. Ich bin aber auch kein Freund dieser vorauseilenden Hysterie, das ist mir auch suspekt. Als Schauspieler bin ich stets bedacht, die richtigen Mittel zum richtigen Anlass zu wählen. Und wenn man sich beim Öffnen des Vorhangs schon heiser geschrien hat, dann hat man keine Steigerungsmöglichkeit mehr."





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-06-21 19:37:33
Letzte Änderung am 2018-06-22 08:08:53


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