Margarethe von Trotta hat sich in ihrem ersten Dokumentarfilm "Auf der Suche nach Ingmar Bergman" (derzeit im Kino) auf eine sehr persönliche Spurensuche aus Anlass des 100. Geburtstages der schwedischen Regie-Legende (1918-2007) begeben. Darin wird der Schöpfer von Meisterwerken wie "Persona", "Das siebente Siegel" oder "Szenen einer Ehe" von vielen Weggefährten und Familienmitgliedern in ganz unterschiedlichem Licht beleuchtet. Von Trotta, die Bergman 1977 in München kennenlernte, als dieser wegen steuerlicher Probleme kurzzeitig in Deutschland lebte, spricht über die Abgründe des Regisseurs und das Recht der Frauen auf mehr Jobs in der Filmbranche.

"Wiener Zeitung": Was war für Sie der Antrieb, sich Ingmar Bergman filmisch zu widmen?

Margarethe von Trotta: Ich hatte immer schon eine Schwäche für Bergmans Filme, habe ihn bewundert, aber vor dieser Doku wusste ich nur wenig über den Menschen hinter dem Regisseur. Ich wusste ja noch nicht einmal, dass er neun Kinder mit fünf Frauen hatte. Das Biografische interessierte mich weniger, weil ich seine Filme so stark fand. Jetzt bin ich in sein Leben eingetaucht, um ihn zu begreifen. Dass Daniel, sein Sohn, sich bereit erklärt hat, mitzumachen, ist toll, denn allen anderen hatte er bislang abgesagt. Er schätzte, dass ich mich als Filmemacherin mit Bergman auseinandersetzen wollte, und nicht versuchen wollte, mich mit diesem Film in seinem Licht zu sonnen.

Margarethe von Trotta wählte einen sehr persönlichen Zugang zu Ingmar Bergman. - © Katharina Sartena
Margarethe von Trotta wählte einen sehr persönlichen Zugang zu Ingmar Bergman. - © Katharina Sartena

Zu welchem Maß hatte Bergmans Familie Einfluss auf das Werk?

Das lässt sich schwer sagen. Bergman hat sehr stark auf seine eigenen Kindheit fokussiert. Darauf ist sein Werk aufgebaut, er hat sich bis ins hohe Alter als Kind gesehen, er wollte sich das Kindliche bewahren. Deshalb konnte er seine eigenen Kinder niemals so wahrnehmen, weil er ja selbst das Kind war. Ich erinnere mich auch an eines unserer Treffen, bei dem ich ihm sagte: "Ich hätte dich so gern als Vater gehabt", und er nur antwortete: "Nein, nein, ich möchte von dir adoptiert werden!"

Gibt es für Sie einen Bergman vor und einen nach diesem Film?

Bergman davor war der geniale Regisseur, er war mein Meister und mein Vorbild. Nicht jemand, den ich imitiert habe, aber der mich zum Film gebracht hat und der mir den Wunsch gab, einmal selbst Regie zu führen. Jetzt, danach, ist er ein sehr widersprüchlicher Mensch geworden, ein leidender, ein heiterer, ein ambivalenter. Es gab Humor, aber auch wahnsinnige Abgründe. Er war dreimal in seinem Leben in einer psychiatrischen Klinik. Das ist beispiellos: Mit wie viel Material aus eigener Schöpfung er sich eingebracht hat in seine Arbeit. Ich kann nun, mit dem Wissen, das ich habe, allein beim Ansehen seiner Filme feststellen, an welchem Punkt im Leben er sich jeweils befand.