• vom 21.07.2018, 09:00 Uhr

Film

Update: 23.07.2018, 12:47 Uhr

Vulva

"Von der sexuellen Befreiung der Frau sind wir weit entfernt"




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Weil man gar nicht weiß, was man im Bett eigentlich will?

Ich habe für den Film mit sehr vielen Frauen jeden Alters gesprochen. Speziell junge Frauen halten ihr Sexualleben für gelungen, wenn der Mann zufrieden ist. Das ist dieselbe Haltung wie vor 100 Jahren, aber heute fühlen sich Frauen dabei sexuell befreit. Für junge Mädchen ist es ganz normal, ihrem Freund einen zu blasen. Sie informieren sich im Internet, wie man das richtig macht. Und umgekehrt? Da sagen viele Mädchen, sie mögen das gar nicht, denn ihre Vulva könnte ungut riechen oder nicht schön aussehen. Sie ist ihnen peinlich. Es gibt keine positive Bewertung des weiblichen Geschlechts. Von der sexuellen Befreiung der Frau sind wir ganz weit weg.

In Ihrem Film thematisieren Sie, dass es keinen schönen Namen für das weibliche Geschlecht gibt.

Alle Frauen, mit denen ich gesprochen habe, sagten mir: Sie sind mit keiner Bezeichnung zufrieden, denn es gibt nur abwertende oder verkindlichende Namen. Nur eine mochte ihren Namen, sie nennt ihre Vulva "Yoni". Aber diese Frau hatte schon viele Jahre Tantra hinter sich, was auch nicht der Durchschnitt ist. Lassen Sie mich ein Beispiel aus meiner Kindheit erzählen: Mit etwa 11 Jahren ging ich jeden Tag am Schulweg bei einer aufgelassenen Fabrik vorbei, auf der in großen Buchstaben "Fut" stand. Ich war damals noch nicht aufgeklärt und kannte den Begriff nicht, aber ich habe mich geschämt, weil ich wusste: das hat etwas mit mir zu tun, das betrifft mich, und es ist grauslich. Ich habe mich geschämt, aber wusste nicht, wieso. Wenn ich jetzt daran denke, kann ich dieses Schamgefühl noch heute fühlen.

Aufklärung passiert heute oft durch Pornos im Internet. Sie haben mit vielen Sexualpädagogen gesprochen - was sagen diese dazu?

Durchschnittlich haben Jugendliche im Alter von 12 Jahren den ersten Porno-Kontakt. Viele Sexualpädagogen sagen: das ist ein riesiges gesellschaftliches Experiment, und es ist nicht klar, wie das ausgehen wird. Manche Jugendliche können gut differenzieren zwischen Porno und Realität und erleben ihren ersten Sex genauso zärtlich und patschert wie Menschen vor 50 Jahren. Andere nehmen das ernster, und glauben, sie müssen das so durchziehen, wie sie es im Porno gesehen haben. Und der Trend zur kindlichen Vulva wird durch Pornos natürlich unterstützt, denn in Pornos wird viel retuschiert.

Was ist das Ziel Ihres Films?

Es geht mir darum, Frauen mehr Selbstbewusstsein zu geben. Sie sollen sich mit ihrem Geschlecht und ihrer Sexualität intensiver beschäftigen.
Ob Pediküre, Gesichtsbehandlung oder Haarentfernung: Derzeit sind viele Frauen intensiv mit ihrem Äußeren beschäftigt. Woher kommt das?
Ich habe eine These: Je mehr Teilhabe sich Frauen erkämpft haben, umso stärker wurde der Druck einem körperlichen Ideal zu entsprechen. Frauen fragen sich ständig: Ist der Körper gut genug, was muss ich machen (lassen), damit er halbwegs ok ist? Das nimmt Selbstsicherheit und kostet viel Geld. Die ganze Energie, die Frauen auf Selbstoptimierung verschwenden, könnten sie einsetzen, um die Gesellschaft zu verbessern. Als ich ein Kind war, bewunderten wir Schauspielerinnen. Aber niemand hat von uns erwartet, dass wir aussehen wie Schauspielerinnen. Unser ästhetisches Empfinden hat sich gewandelt, und dass der Druck auf Frauen irre zugenommen hat, ist kein Zufall. Das ist ein letztes Aufbegehren des Patriachats.

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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-16 17:49:06
Letzte Änderung am 2018-07-23 12:47:14


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