• vom 03.08.2018, 13:56 Uhr

Film

Update: 03.08.2018, 14:47 Uhr

Filmfestival Locarno

Das Private im großen Ganzen




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Von Matthias Greuling aus Locarno

  • Wie kaum ein anderes Festival forscht Locarno an den großen und kleinen Problemen dieser Welt.

In "Alice T." rebelliert eine 16-Jährige gegen Grenzen. - © Festival Locarno

In "Alice T." rebelliert eine 16-Jährige gegen Grenzen. © Festival Locarno

Locarno. So sehr man den Gästen auf der Piazza Grande hier die zugänglichen Spielformen des Mediums Film reicht - darunter Denzel Washingtons Kracher "The Equalizer 2" oder die Schönheitschirurgie-Komödie "I Feel Good" mit Oscar-Preisträger Jean Dujardin -, so sehr ist der Wettbewerb um den Goldenen Leoparden für die ernste Filmkunst reserviert: Locarno bearbeitet mit großer Konsequenz diese beiden Pole, weil es letztlich auch die Pole der wirklichen Filmwelt außerhalb der Festivalblase sind. Nur, dass in der Realität die großen Kracher mehr zählen als die kleine Filmkunst. Das ist hier nicht so: Es herrscht absolute Parität.

Viele der Wettbewerbsbeiträge befassen sich mit dem Privaten, der Welt der Familie: "A Family Tour" von Ying Liang aus Taiwan etwa mixt politische Oppression mit Familiendrama: Eine Regisseurin, die einen nicht genehmen Film gedreht hat, muss nach Hongkong ins Exil flüchten; um ihren Mann, ihren Sohn und ihre Mutter weiterhin zu sehen, müssen die drei ganz unterschiedliche Anstrengungen unternehmen, um nach Hongkong zu gelangen.


Gnadenlose Natur
"Tarde para morir joven" von Dominga Sotomayor aus Chile erzählt von Familien, die sich 1990 nach dem Ende der Diktatur eine eigene Welt inmitten der Natur der Anden erschafft. Doch diese Wildnis birgt Gefahren - andere zwar, als die Diktatur, aber die Natur ist gnadenlos. "Diane" des US-Amerikaners Kent Jones zeigt eine Witwe (Mary Kay Place) mit sozialer Ader, die sich aufopfernd um Obdachlose und Kranke und ihren drogensüchtigen Sohn kümmert. Als ihr bewusst wird, dass auch sie endlich ist, konfrontiert sie sich mit ihrer Vergangenheit - auch hier prallen gesellschaftspolitische Aspekte mit großer Privatheit aufeinander. Genau wie in dem türkischen Beitrag "Sibel". Die Titelheldin ist ein junges Mädchen, das in einem isolierten Bergdorf lebt. Sie ist stumm und findet erst aus ihrer Isolation, als sie auf einen verwundeten Flüchtling stößt. In "Alice T." des Rumänen Radu Muntean wiederum ist es eine aufmüpfige 16-Jährige, die ihre Mutter mit viel Radau auf die Palme bringt. Der Aufruhr gipfelt darin, dass das Mädchen schwanger wird.

Carlo Chatrian, der scheidende Festivalchef von Locarno, der ab 2020 die Berlinale leiten wird, hat in der Durchmischung seines sensibel zusammengestellten Programms inzwischen eine Handschrift entwickelt, die ihm in seinem neuen Job eine große Hilfe sein wird: Auch die Berlinale ist ein Festival, das sich neben all den kommerziellen Aspekten der Filmwelt vor allem die Filmkunst und ihre gesellschaftspolitische Relevanz auf die Fahnen geschrieben hat. Dies dürfte auch der Grund sein, weshalb man sich für Chatrian als Nachfolger von Dieter Kosslick entschieden hat.

Chatrian selbst wäre indes gerne noch in Locarno geblieben, wie er am Rande der Festivaleröffnung anmerkte: "Ich hatte vor, noch ein paar Jahre zu bleiben, insbesondere weil wir mit dem Team und dem Präsidenten Marco Solari ein Projekt umgesetzt haben, um die Infrastruktur zu stärken." Erst im Vorjahr eröffnete mit dem PalaCinema ein neuer, opulenter Kinokomplex, um den andere Festivals Locarno beneiden. In dieser Aufbruchstimmung zu gehen, sei schade, sagt Chatrian. "Aber als dann das Angebot aus Berlin kam, war es auch der richtige Moment, um zuzusagen." Weil Berlin noch eine Nummer größer ist? "Ja, ich will schauen, ob ich auch ein Projekt stemmen kann, bei dem ich das Umfeld weit weniger gut kenne, und das viel größer ist."




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-08-03 14:05:27
Letzte Änderung am 2018-08-03 14:47:56


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