Wie haben sich die Maßstäbe verändert, die Sie an Ihre Arbeit anlegen. Wie war das früher?

Als junger Schauspieler will man gar nicht gut gefunden werden, denn das macht es ja unmöglich, als Grenzgänger zu gelten, was man zweifellos sein will in jungen Jahren. Das hat viel mit Ego zu tun. Ich hatte Glück, dass meine Eltern ihren religiösen Glauben als einzigen Maßstab im Leben anlegen. Sie hätten mich nicht mehr oder weniger geliebt, wenn ich einen Preis als bester Schauspieler in Venedig oder Cannes gewonnen hätte. Das hätte sie überhaupt nicht interessiert. Mein Vater liebt mich genau so wie seine anderen Söhne. Als junger Mensch findest du diese Einstellung kitschig. Aber im Alter findest du heraus, dass das nichts Kitschiges hat. Sondern, dass das eine Realität ist. Und dass rundherum die Menschen an ihrem Egotrip scheitern, weil sie sich selbst viel zu wichtig nehmen. Das Ziel ist: Eine gesunde Balance zu finden zwischen dem Glauben an dich selbst und an etwas, auf das man stolz sein kann.

Sie haben mit vielen unterschiedlichen Regisseuren gearbeitet. Wie hat sich die Arbeit verändert?

Wichtig ist die Erkenntnis: Es gibt keine richtige oder falsche Art, einen Film zu drehen. Es gibt verschiedene Wege, das zu tun. Paul Schrader gab mir in "First Reformed" (2017) einen der herausforderndsten Parts meiner Karriere. Und das war ein ganz anderes Gefühl, als in "Before Sunrise" zu spielen. Obwohl beides Schauspielerei ist, kann man schwer sagen, dass es bei den beiden Filmen derselbe Job war. "Gattaca" (1997) von Andrew Niccol war einer der besten Erstlingsfilme, die ich kenne. Aber als "Gattaca" herauskam, nahm davon fast niemand Notiz und der Film verschwand wieder. Andrew Nicoll war sehr enttäuscht. Dasselbe galt übrigens für "Reality Bites" oder "Before Sunrise". Die Leute dachten: Was sind das denn für Filme? Und doch: 25 Jahre später sitze ich da und rede immer noch über diese Filme. Weil sie die Zeit überdauert haben. Aber Hollywood produziert keine Filme wie "Gattaca" mehr. Damals hatte ein Studio diesen Film finanziert, wir hatten das Geld, alle wurden ordentlich bezahlt. Heute müsste man einen solchen Film für ein Achtel des Geldes von damals drehen, und zwar in der Hälfte der Zeit, und alle Schauspieler würden gratis arbeiten.

Sie haben mit Julie Delpy bereits zwei Sequels zu "Before Sunrise" gedreht. Kommt ein vierter Teil?

Ich denke, die Filme wirken als Trilogie sehr organisch. Es gibt aber noch eine Idee von mir, die ein total anderes Licht auf die beiden werfen würde, und das fände ich reizvoll. Da gab es doch diesen Film vor ein paar Jahren, mit den alten Menschen, die im Sterben sind... Wie hieß der gleich?

"Amour" von Michael Haneke.

Ja, genau. Als Julie den Film gesehen hatte, schrieb sie mir: "So ein Mist, sie haben unseren vierten Teil schon gedreht" (lacht). Und dann schrieb ich ihr ein paar Tage später, ich hätte einen Traum über unseren vierten Film gehabt: Er würde total erotisch sein und wir würden die ganze Zeit Sex haben, anstatt zu reden. Wie in einem frühen Bertolucci-Film! Wir werden also sehen, ob sie sich darauf einlässt.