Immer auch ein bisschen selbstironisch: Schauspielerin Emma Thompson. - © Münchner Filmfest
Immer auch ein bisschen selbstironisch: Schauspielerin Emma Thompson. - © Münchner Filmfest

Borniert wirkte Emma Thompson tatsächlich nie. Im Gegenteil, die profilierte Charakterdarstellerin ist eine lebhafte, humorvolle, feministische Powerfrau und kein bisschen Diva. Und das obwohl sie die einzige Schauspielerin ist, die einen Oscar als beste Hauptdarstellerin bekam und einen Drehbuch-Oscar. Die 59-jährige Britin hält sich mit ihrer Meinung nicht zurück, auch zu umstrittenen Themen. In ihrem neuen Film "Kindeswohl" (ab 31. August im Kino) - nach dem Roman von Ian McEwan - geht es um eine heikle Entscheidung. Sie spielt eine Londoner Familienrichterin, die vor einem moralischen Dilemma steht - Stichwort Bluttransfusionen bei Zeugen Jehovas.

"Wiener Zeitung": Was war die größte Herausforderung bei Ihrem neuen Drama?

Emma Thompson: Generell ist es kein Film für Menschen, die aufregende Action wollen. Es ist einer für Leute, die bereit sind, über ein komplexes Thema nachzudenken. Es geht um Ehe, Religion, Gesundheit, Recht, Macht, Gesetz. Alles wird darin verhandelt. Diese immense Macht und Verantwortung, die ein Richter durch das Gesetz über Menschenleben hat, das zu verkörpern war für mich das Schwierigste. Und in diesem speziellen Fall über Leben und Tod zu entscheiden. Darum habe ich mich mit Richterinnen getroffen, die am Familiengericht arbeiten. Ich bin von diesen Frauen, die in diesem patriarchalen System noch mehr unter Druck stehen, schwer beeindruckt. Denn das System, in dem sie arbeiten, wurde von Männern ersonnen, ausgearbeitet und umgesetzt. Und meist zum Schaden von Frauen und Kindern. Das Rechtssystem hat ihnen nie erlaubt, für sich zu sprechen. Diese Arbeit verantwortungsvoll zu machen, lässt wirklich kaum Platz für ein Privatleben. Dadurch nicht zur Maschine zu werden, ist eine Leistung.

Emma Thompson und Stanley Tucci in "Kindeswohl". - © Filmladen
Emma Thompson und Stanley Tucci in "Kindeswohl". - © Filmladen

Richterinnen sind ja immer noch eine Seltenheit.

Das stimmt. Gerade am britischen Familiengericht gibt es nicht viele. Sie müssen zweimal so gut sein wie Männer. Und es sieht momentan leider nicht so aus, als würde sich da etwas verbessern. Denn die britische Regierung kürzt gerade die Gelder für unser Bildungssystem. Davon haben nur die Reichen etwas. Da das meiste Geld Männern gehört, schadet jede Kürzung den Frauen. Und Menschen mit dunkler Hautfarbe. Das verhindert Vielfalt. Der öffentliche Diskurs wird so noch weißer und männlicher. Ich finde das deprimierend.

Wie schätzen Sie den Einfluss der #MeToo-Bewegung und Time’s Up auf die Filmindustrie und die restliche Gesellschaft ein?

Meiner Meinung nach war diese Bewegung längst überfällig. Ich äußerte mich schon zu Beginn des Weinstein-Skandals und erklärte, dass diese Burschen das schon jahrelang so treiben. Wir müssen dieses Machtsystem, das Frauen nicht das Recht über ihren eigenen Körper zugesteht, ändern. Sich vorzustellen, dass sieben von zehn britischen Frauen, die sexuell belästigt wurden, keine Anzeige erstatten, weil sie glauben, dass es sowieso umsonst ist, finde ich beschämend. Deshalb ich bin sehr glücklich darüber, dass es diese Diskussionen nun gibt. Und wir dadurch hoffentlich die Chance haben, das zu ändern. Denn es gibt auch Männer, die sich in diesem System nicht wohlfühlen und die unfaire Verteilung gar nicht wollen. Ich bin Feministin, seit ich mit 19 Jahren feministische Literatur entdeckt habe. Seitdem bin ich überzeugt davon, dass eine hierarchisch strukturierte Gesellschaft, wie das Patriarchat, das Frauen jahrhundertelang unterdrückt hat, uns nicht weiterbringt.