• vom 05.09.2018, 07:21 Uhr

Film

Update: 05.09.2018, 08:29 Uhr

Filmfestival Venedig

Meisterstück über die Angst




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Von Matthias Greuling, Venedig

  • Natalie Portman brilliert in Brady Corbets Regiearbeit "Vox Lux". Ein aufreibender Höhepunkt des Filmfestivals von Venedig.

Natalie Portman: "Der Terror und die Attentate an den Schulen fühlen sich fast an wie ein Bürgerkrieg. Diese Schul-Anschläge verbreiten psychologische Traumata in unserem Land". - © KSARTENA

Natalie Portman: "Der Terror und die Attentate an den Schulen fühlen sich fast an wie ein Bürgerkrieg. Diese Schul-Anschläge verbreiten psychologische Traumata in unserem Land". © KSARTENA

Es war der vielleicht gewagteste Film dieses Festivals. Vor allem, weil er schrill-hysterisch und relativ unverstellt von etwas berichtet, das uns alle angeht, auch, wenn es vorderhand nicht so scheint: "Vox Lux" von Schauspieler Brady Corbet, gerade einmal 30 Jahre alt, bisher hauptberuflich Schauspieler (unter anderem spielte er in Hanekes US-Remake von "Funny Games"), legt mit seiner zweiten Regiearbeit "Vox Lux" (nach dem gefeierten "The Childhood of a Leader") einen überraschend zeit- und systemkritischen Film vor, der die Beziehung der (amerikanischen) Öffentlichkeit mit dem weltweiten Phänomen des Terrorismus zu sezieren versucht.

Das tut er anhand einer sehr privaten, später sehr öffentlichen Geschichte: Natalie Portman spielt einen US-Popstar, der als Schulkind ein High-School-Massaker überlebt hat und darauf aufbauend die eigene Sangeskarriere startet, durchaus im Maßstab einer Britney Spears, also richtig groß.

Die Karriere wird nach 9/11 und noch viel später immer wieder auf das Urereignis und auf neue Terroristenakte zurückgeworfen. Interessant ist dies deshalb, weil Corbet in recht ungestümer Weise auch untersucht, wie unsere Wahrnehmung des noch jungen 21. Jahrhunderts sehr konkret an Ängsten und Phobien festgemacht werden kann: Wer was ist und wer was zu sein scheint, ist in der kommerzialisierten Welt kaum mehr richtig einorden- oder zuordenbar, auch für die nicht, die gelernt haben, so zu tun, als wäre man wirklich etwas. Etwas Wertvolles, zum Beispiel. Oder zumindest etwas Bekanntes.

Celeste (over the top: Natalie Portman), so heißt dieser Popstar, liefert Hit um Hit (die Songs stammen von der Hitfabrikantin Sia, die auch ausführende Produzentin ist), verdrängt die eigene Vergangenheit, macht Fehler, trinkt, kokst, verstellt die Sicht auf sich selbst und ihre Tochter, es ist ein Graus. Aber in dieser Heldin findet Corbet die Summe von all dem, was unser Leben seit Columbine, 9/11 & Co. ausmacht: Die permanente Hysterie, mit der wir uns umgeben, will und will nicht abflauen, das illustriert dieser Film meisterlich. Es ist der Film, der am meisten über unseren gegenwärtigen Lebensumstand und unsere Befindlichkeiten aussagt, es ist der bislang relevanteste dieses Festivals, weil er das Lebensgefühl der Besucher dieser Filmschau am treffendsten abbildet.

Corbet: "Der Film zeigt, wie wir im 21. Jahrhundert fühlen"


"Der Film zeigt, wie wir im 21. Jahrhundert denken und fühlen", sagt Brady Corbet. "Und da geht es vor allem um Terrorismus, das bestimmende Thema unserer Tage. Ich interessiere mich für die Fragen, was Gewalt mit Menschen macht. Weil ich auch aus einem Land komme, wo das immer und schon lange Alltag ist". Natalie Portman fügt hinzu: "Der Terror und die Attentate an den Schulen fühlen sich fast an wie ein Bürgerkrieg. Diese Schul-Anschläge verbreiten psychologische Traumata in unserem Land".

Corbet, der "Vox Lux" dem verstorbenen Jonathan Demme gewidmet hat ("Er hat das Projekt bis zu seinem Tod liebevoll begleitet"), fällt es übrigens schwer, die Hintergründe seines außergewöhnlichen Films zu erläutern. "Ich kann nur schwer darüber reden", sagt er. " Denn alles, was ich darüber sagen will, sieht man im Film. ‚Vox Lux‘ ist wie eine Fabel über das, was wir alle in den letzten 20 Jahren durchmachten mussten. Wir leben in einem Zeitalter der Angst. Der Film wurde daraus geboren". Und es ist ein Meisterstück.




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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-05 07:21:51
Letzte Änderung am 2018-09-05 08:29:26


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