• vom 22.09.2018, 08:55 Uhr

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"Ich fühle mich wie ein Kind"




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Von Matthias Greuling

  • Seit 1989 arbeitet Terry Gilliam an "The Man Who Killed Don Quixote". Jetzt ist der von Pannen begleitete Film endlich fertig.

Durch ein hyperfantastisches Filmabenteuer reiten Adam Driver (l.) und Jonathan Pryce in "The Man Who Killed Don Quixote". - © Filmladen

Durch ein hyperfantastisches Filmabenteuer reiten Adam Driver (l.) und Jonathan Pryce in "The Man Who Killed Don Quixote". © Filmladen



Nachdenklich im Interview: Terry Gilliam ist froh, die Arbeit am Film hinter sich zu haben.

Nachdenklich im Interview: Terry Gilliam ist froh, die Arbeit am Film hinter sich zu haben.© Katharina Sartena Nachdenklich im Interview: Terry Gilliam ist froh, die Arbeit am Film hinter sich zu haben.© Katharina Sartena

Ein simples Schriftbild steht am Beginn: "Und jetzt, nach 25 Jahren Herstellungszeit, sehen sie endlich": "The Man Who Killed Don Quixote". Terry Gilliams Langzeitprojekt, das er über das letzte Vierteljahrhundert nicht und nicht zustande gebracht hat, ist endlich fertiggestellt und startet kommenden Freitag in den Kinos. Gilliam hätte das Projekt um einen Filmregisseur, der "Don Quijote" verfilmen möchte, dabei in ein Zeitloch fällt und 400 Jahre in der Vergangenheit wieder herauskommt, wo er dann zahllose Abenteuer erlebt, gerne in der geplanten Ur-Besetzung mit Jean Rochefort und Johnny Depp (als Sancho Panza) gedreht. Die Dreharbeiten begannen im Jahr 2000, wurden aber nach wenigen Tagen abgebrochen: Einerseits erlitt Rochefort einen Bandscheibenvorfall (Reiten unmöglich), andererseits haperte es bei der Finanzierung. Die Rechte am gedrehten Material fielen an eine deutsche Versicherungsfirma. Zeitgleich dokumentierte ein Filmteam das Scheitern der Dreharbeiten, woraus später die Doku "Lost in La Mancha" (2002) entstand. Erst 2006 waren rechtliche Streitigkeiten mit der Versicherungsfirma beigelegt, und Gilliam versuchte einen zweiten Anlauf, diesmal mit Robert Duvall statt Rochefort und Ewan McGregor statt Depp. Wieder gab es finanzielle Probleme: Bis 2010 passierte nichts, danach wurde der Drehstart immer wieder verschoben. Und Gilliam? "Ich war immer noch überzeugt, damit den besten Film meines Lebens zu drehen", sagt er im Interview.

Was lange währt, wird endlich gut: Im Juni 2017 fing Gilliam endlich an zu drehen, diesmal mit Jonathan Pryce als Don Quijote und Adam Driver als dem verrückten Regisseur. Das Resultat ist ein hysterisches, Gilliam-typisches Abenteuer- und Verwirrspiel mit vielen Referenzen an die Vorlage und teils haarsträubenden Twists, ausladender Action und unzähligen absurd komischen Momenten, das heuer in Cannes uraufgeführt wurde - freilich begleitet von einem weiteren Rechtsstreit: Der Produzent Paulo Branco, der 2016 an Bord des Langzeitprojekts ging und dadurch Rechte am Film erwarb, klagte gegen das Screening in Cannes, weil er sich seiner Rechte beraubt sah. Ein französisches Gericht entschied erst nach Festivaleröffnung, dass der Film gezeigt werden darf; um den US-Start wird immer noch gezankt, in Europa darf der Film nun anlaufen. Die "Wiener Zeitung" traf Gilliam zum Gespräch in Cannes.

"Wiener Zeitung": Mr. Gilliam, wie fühlt sich das an, dieses Projekt abgeschlossen zu haben?

Terry Gilliam: Es ist einfach unglaublich, ich bin so erleichtert, dass der Film jetzt existiert und endlich aus meinem Kopf draußen ist. Es ist vielleicht nicht der einfachste Weg, einen Film zu drehen, und ich würde ihn jungen Filmemachern auch nicht weiterempfehlen (lacht).

Wie haben Sie die Enttäuschungen der elendslangen Entstehungsgeschichte abgeschüttelt?

Es liegt in der Natur der Sache, dass das, was dich nicht umbringt, nur härter macht. Ich dachte immer, das wäre nur ein blöder Spruch, aber er stimmt wirklich. Die jahrelangen Verzögerungen hatten auch ihr Gutes: Ich habe das Buch überarbeitet, habe neue Ideen eingebaut und hätte heute den Film von damals gar nicht mehr machen können.

Wieso nicht?

Was keinesfalls ginge, wäre eine geradlinige Version von "Don Quijote". Das hat noch nie funktioniert. Eventuell die Version von G.W. Pabst aus dem Jahr 1933, die hatte für mich etwas Besonderes, da ist viel drin, aber die meisten Versionen sind nicht geradlinig. Man könnte eine reine Adaption der Vorlage von Miguel de Cervantes heute nicht mehr machen, weil das Publikum da nicht mitgehen würde. Daher stammte meine Idee, da einen modernen Menschen in das historische Setting einzubringen. Einen modernen Sancho.

Und den fanden Sie in Adam Driver. Wieso gerade er?

Adam ist der Film. Er hatte die schwere Last dieser Figur zu tragen, die den Film vorantreibt. Jonathan Pryce kann ihm als Don Quijote eine oder zwei Szenen stehlen, aber es ist Adams Film. Ich wusste nicht, ob der Film jemals glücken würde, aber zumindest die schauspielerische Leistung war absolut top, nicht? Mit ihr steht und fällt der Film. Adam war eigentlich nicht der Schauspieler, den ich für den Part im Sinne hatte, aber als ich ihn traf, war ich so froh, dass ich meine alten Ideen von der Figur über Bord werfen konnte. Das wusste ich beim ersten Lunch. Adam war so viel besser als alles, was ich mir ausgedacht hatte.

Wieso waren Sie eigentlich so besessen von Don Quijote?

Er war von mir besessen, ließ mich nie in Ruhe. Als ich mir einbildete, Cervantes’ Buch verfilmen zu müssen, sagte ich zu meinem Produzenten: Ich brauche 20 Millionen. Und die kriegte ich. Und dann las ich das Buch und stellte fest: Man kann es gar nicht verfilmen. Es ist unmöglich. Es sind höchstens die Highlights, die Essenzen, die man herausstreichen kann. Dieses Buch ist in seiner Gesamtheit unverfilmbar.

Das Bild von Don Quixote, der gegen Windmühlen kämpft, legt nahe, auch Sie in so einem Kampf zu sehen. Nach allem, was passiert ist.

Ja, aber ich selbst sehe mich eher als Sancho Panza. Ich bin ein großer Pragmatiker. In all den Jahren und bei all den Produzenten, die an Bord kamen und wieder gingen, bin ich derjenige geblieben, der letztlich diesen unmöglichen Film möglich gemacht hat. Die waren alle lauter Fantasten, ich war der pragmatische Sancho. Die haben alle nach ein, zwei Jahren das Handtuch geschmissen, ich habe bis zum Schluss durchgehalten.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-09-21 15:57:28
Letzte Änderung am 2018-09-21 18:04:42



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