Dort sollte 1938 auch Gerhard Richters Tante Marianne sterilisiert werden. Nur ihr schlechter Gesundheitszustand verhinderte zufällig die unmittelbare Begegnung mit Eufinger in dessen Klinik. Der Termin wurde im letzten Moment abgesagt, der Eingriff später am Ort ihrer erzwungenen Unterbringung in der Anstalt Arnsdorf nachgeholt. Marianne Schönfelder starb wenige Wochen vor Kriegsende am 16. Februar 1945 in einer Gaskammer. Sie wurde nur 27 Jahre alt.

Prof. Heinrich Eufinger war anschließend fast drei Jahre lang in sowjetischer Gefangenschaft und dort auf seine frühere Tätigkeit überprüft worden. Auch die ostdeutsche Volkspolizei ermittelte später gegen ihn, stellte das Verfahren aber ein - vermutlich wegen des akuten Ärztemangels in der SBZ, später DDR. Eufinger durfte wieder praktizieren und wurde Chefarzt der Gynäkologischen Abteilung eines Krankenhauses in Dresden. 1956 übersiedelte er in die westdeutsche Bundesrepublik - möglicherweise, um sich weiterer juristischer Verfolgung und der in der DDR noch bis 1987 drohenden Todesstrafe zu entziehen.

Eufinger brachte es auch im Westen wieder zum Chefarzt einer Frauenklinik und starb 1988 in Wilhelmshaven als geachteter Bürger.

Kurz nach den Schwiegereltern war auch Gerhard Richter aus der DDR in den Westen Deutschlands gegangen. Er floh 1961 kurz vor dem Mauerbau und lernte in Düsseldorf Joseph Beuys kennen. Richters bald folgender Aufstieg vom Schildermaler zum Weltstar ist hinreichend dokumentiert. Ein ungewöhnlich farbenfrohes Fenster im Kölner Dom gehört neben den berühmten Serien nach Fotos zu seinen bekanntesten Arbeiten.

Bis zum überraschenden Besuch eines Journalisten bei ihm daheim, der arglos die Geschichte hinter einem Foto recherchieren wollte, war dem politisch interessierten und informierten Künstler Richter die schicksalhafte Nähe zwischen seiner Tante und seinem Schwiegervater seltsam verborgen geblieben. So heißt es jedenfalls. War das Unwissen oder Verdrängung oder Verleugnung?

Schuldhafte Nähe

Sein Gemälde "Tante Marianne" wurde plötzlich stummer Zeuge eines Verbrechens und einer Verstrickung. Davon auszugehen, Prof. Heinrich Eufinger habe Marianne Schönfelder persönlich verstümmelt oder ermordet, wäre allerdings sachlich unrichtig. Das behauptet der Journalist in seiner Recherche auch nicht. Donnersmarck hingegen in einem Interview mit der "Wiener Zeitung" kürzlich. Braucht er das für seinen Film?

Die unmittelbare körperliche Begegnung von Opfer und Täter innerhalb der Familie hat es nicht gegeben, eine schuldhafte Nähe wird aber sehr wohl nahegelegt. Jürgen Schreiber hat die umfangreichen Informationen zu dem inzwischen berühmten Bild nach seinem Artikel im Berliner "Tagesspiegel" von 2004 in einem Buch mit dem Titel "Ein Maler aus Deutschland" (Pendo Verlag, München und Zürich, 2005) zusammengefasst.

Vor Florian Henckel von Donnersmarck und seinem Film tut sich damit im Kontext dunkelster deutscher Zeitgeschichte ein attraktives Szenario mit vier Hauptrollen auf: Mit dem Opfer Marianne Schönfelder, dem Täter Heinrich Eufinger, dem Künstler Gerhard Richter und dem Chronisten Jürgen Schreiber. Ihre Echtnamen kommen aber im Film nicht vor. Der Regisseur hat sich für die Freiheit der eigenen Dramatisierung entschieden, die das verbietet. In einem Gespräch mit dem deutschen Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" hat Donnersmarck dazu erklärt, "dass man oft durch Fiktion und durch Dichtung der Wahrheit näher kommen kann als durch Aufzählung von Fakten. Das Leben ist so unordentlich und von Zufällen geprägt - daran will ich mich nicht halten müssen."

Der Film ist ein Beispiel für die anfangs beschriebene Herausforderung zwischen der Attraktivität und Bedeutung einer wichtigen wahren Lebensgeschichte und den erzählerischen Gesetzen eines spannenden oder auf andere Weise unterhaltsamen Spielfilms. Das bleibt ein schmaler Grat.