• vom 12.10.2018, 08:30 Uhr

Film


Der Trafikant

Wien in Dur und Moll




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Von Matthias Greuling

  • Nikolaus Leytner hat mit "Der Trafikant" einen Bestseller verfilmt, der im Wien der "Anschluss"-Jahre spielt.

Regisseur Leytner am Set im Gespräch mit Bruno Ganz. - © Tobis

Regisseur Leytner am Set im Gespräch mit Bruno Ganz. © Tobis

Johannes Krisch ist der auf die Nazis schimpfende, titelgebende Trafikant im Wien des Jahres 1938.

Johannes Krisch ist der auf die Nazis schimpfende, titelgebende Trafikant im Wien des Jahres 1938.© Tobis Johannes Krisch ist der auf die Nazis schimpfende, titelgebende Trafikant im Wien des Jahres 1938.© Tobis

Ein junger Bursch vom Land kommt nach Wien, um hier eine Lehre als Trafikant zu machen. Das Jahr: 1937, die letzten Monate vor dem "Anschluss". Doch Franz (Simon Morzé) interessiert sich wenig für die neuen politischen Zeiten, die allerorts schon anbrechen. Vielmehr faszinieren ihn die Frauen, denen er mit den Tipps seines zufälligen Bekannten Sigmund Freud (Bruno Ganz) nachzustellen versucht. Freud ist Stammkunde in der Trafik des Otto Trsnjek (Johannes Krisch), dem Mentor von Franz.

Nikolaus Leytners Verfilmung "Der Trafikant" (derzeit im Kino) des gleichnamigen Bestsellers von Robert Seethaler ist prominent besetzt und setzt das Wien der "Anschluss"-Zeit in Szene.

"Wiener Zeitung": Wie werktreu muss man bei einem erfolgreichen Bestseller sein, und wie viel künstlerische Freiheit kann man sich nehmen?

Nikolaus Leytner: Ich wollte schon sehr werktreu sein bei der Adaption. Verfilmungen solch erfolgreicher Romane sind immer problematisch, weil jeder Leser längst selbst einen Film von dem Roman im Kopf hat, seinen ganz eigenen Film. Man macht also im Prinzip ein Remake von all diesen hunderttausenden Kopffilmen. Ich habe versucht, meinen allerersten Eindruck bei der Lektüre als Orientierung zu benutzen, sozusagen meinen Kopffilm umzusetzen.

Worin besteht der Unterschied zu anderen Stoffen, die um 1938 spielen?

Diese Zeit kennen wir sehr gut aus Filmen und Romanen. Hier wird sie ein wenig anders erzählt als sonst, nämlich aus der Perspektive eines jungen, bisschen naiven, aber doch wachen und neugierigen Mannes vom Land. Und der muss zuerst einmal lernen, mit dem Alltag in der Großstadt umzugehen. Dass ihn dabei vielleicht das Dekolleté einer jungen Frau, die er auf der Straße sieht, mehr interessiert als die überall präsenten politischen Spannungen, ist doch eigentlich sehr normal.

Besonders in Seethalers Roman ist die Schilderung des Wienerischen.

Genau. Besonders und sehr wienerisch an dieser Geschichte ist Robert Seethalers Idee, dass der junge Mann eine Freundschaft mit Sigmund Freud gehabt haben könnte. Ich halte das nicht für unwahrscheinlich, dass Freud junge Menschen, die unverstellt auf ihn zugingen, ernst genommen hatte. Belegt ist das natürlich nicht. Was mich aber interessiert hat: Es ist der wienerische Ton, mit dem Seethaler erzählt, der so besonders ist: Dieses Nebeneinander von Dur und Moll, das es da gibt, habe ich versucht, im Film zu erhalten.

Könnte man dem Protagonisten auch vorwerfen, dass ihn die politische Lage kaum interessiert hat?

In dem Moment, als die politische Gewalt in sein Leben tritt und es Menschen aus seinem engeren Umfeld betrifft, dann betrifft ihn das sehr stark, und er entwickelt auch entsprechend Zivilcourage. Das ist etwas, was ich auch in Zeiten wie diesen für sehr wichtig halte. Er macht dann etwas, was nur wenige getan hätten und wovon er genau wusste, dass es ihm an den Kragen gehen kann.

Sie haben mit Krisch und Ganz zwei große Namen verpflichtet.

Bruno Ganz konnte Freud spielen, weil er das Charisma einer solchen Persönlichkeit mitbringt, nicht, weil er Starqualitäten hatte. Ganz kann das Kunststück, eine bekannte Persönlichkeit in einer fiktiven Situation zu interpretieren. Johannes Krisch ist jemand, der immer mit vollstem Einsatz spielt und alles hineinwirft, was er hat. Dieses Engagement wollte ich bei dieser aufbrausenden Figur einfach spüren auf der Leinwand.

Sie haben viel fürs Fernsehen gearbeitet. Zum Kino gibt es stilistisch grundsätzlich große Unterschiede.

Das stimmt. Im Fernsehen musst du das Publikum in den ersten drei, vier Minuten "kriegen". Eine behutsamere Dramaturgie, bei der man Erzählung und Figuren langsam entfaltet, wird im Fernsehen zunehmend schwierig. Die Bildsprache im TV wird viel enger gehalten, es gibt viel Schuss-Gegenschuss. Ich setze dem Publikum vor, was es genau in diesem Moment sehen soll. Im Kino kann man allein der Größe des Bildes wegen den Zuschauer animieren, auch einmal woanders hinzuschauen, Bilder zu untersuchen, mehr Weite offerieren.

Ist "Der Trafikant" auch als Mahnung für heutige politische Verhältnisse gedacht?

Ich bin skeptisch, ob Filme tatsächlich etwas auslösen können. Ich fürchte, es ist ein bisschen so wie mit den Internet-Blasen. Nämlich, dass sich diese Filme dann wieder nur die anschauen, die ohnehin schon über das Thema nachgedacht haben und schon Bescheid wissen. In Deutschland ist dieses Buch ja verpflichtende Schullektüre, dort befassen sich viele junge Menschen damit und bald hoffentlich auch mit dem Film. Wenn man junge Leute dann abholt, wenn sich gerade ihr Bewusstsein auszubilden beginnt, dann kann der Film schon ein Anstoß sein.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-10-11 16:36:43
Letzte Änderung am 2018-10-12 08:16:40


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