• vom 16.10.2018, 16:20 Uhr

Film

Update: 16.10.2018, 16:41 Uhr

Nina Kusturica

Ein Sinnbild für den Zustand des Suchens




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Von Matthias Greuling

  • Regisseurin Nina Kusturica über Fremdsein, ihren Film "Ciao Chérie" und das Ungleichgewicht der Geschlechter beim Film.

Schauspielerin Nahoko Fort ist eine der Protagonistinnen von "Ciao Chérie". - © Thimfilm

Schauspielerin Nahoko Fort ist eine der Protagonistinnen von "Ciao Chérie". © Thimfilm

Ist es eine Parallelwelt, ein Stück Heimat oder ein Rückzugsort? Call-Shops prägen das Stadtbild Wiens vor allem in den Außenbezirken. Dort kommen junge und alte Menschen zusammen, um (nach Hause) zu telefonieren, um Geld zu verschicken oder empfangen, um im Internet zu surfen. Viele von ihnen treibt Heimweh oder die Liebe dorthin, andere versuchen, Verbindungen in alle Welt aufrechtzuerhalten.

Die Wiener Filmemacherin Nina Kusturica hat sich mit ihrem Spielfilm "Ciao Chérie" (ab Freitag im Kino) dem Biotop Call-Shop angenommen, und erzählt dort verschiedene Episoden aus dem Leben der Kunden und der Call-Shop-Besitzerin. Die oftmals dokumentarisch anmutenden Szenen entstanden mit vielen Laiendarstellern, die Kusturica gekonnt unter ihre Profis mischt. "Ciao Chérie" funkioniert als Kaleidoskop menschlicher Ängste und Hoffnungen.

"Wiener Zeitung": Warum wollten Sie sich die Welt der Call-Shops genauer ansehen?

Nina Kusturica: Ich war auf der Suche nach einem Ort, aus dem ein Film entstehen kann, denn diese Filme finde ich besonders spannend. Bei meinen früheren Filmen davor habe ich hingegen mit dem Thema begonnen. Aber über die Suche nach dem Ort habe ich auch herausgefunden, wie ich die Geschichten und Themen meines Films "Little Alien" fortschreiben kann. Darin ging es um Fragen der Verortung, und ich hatte den Eindruck, das noch nicht zu Ende erzählt zu haben.

Call-Shops sind auch Brennpunkte der Migration. Ist das auch ein Ansatz für den Film gewesen?

Nach dem Jahr 2015, als das Flüchtlingsthema aufkam, war ich umso mehr auf der Suche nach einem anderen Zugang. Denn genau diese Flüchtlinge sind unterwegs, um einen Ort für sich zu finden. Ich fragte mich: Wie geht es sich aus, an einem Ort zu sein und doch fremd? Kann man an zwei Orten gleichzeitig sein? Kann man in diesem neuen Land, wohin man geflohen ist, leben und zugleich einen Teil von einem in seiner Heimat zurücklassen? Wie fühlt sich das an? Oder muss man Abschied nehmen, von der Heimat und den Personen, die einem nahe waren, um frei ein neues Leben beginnen zu können? Das ist auch eine Frage, die mich persönlich betroffen hat, als ich 1992 mit meiner Familie aus Bosnien nach Österreich kam.

Im Prinzip ist der Call-Shop also eine Anlaufstelle.

Der Call-Shop ist genau der Ort, an dem alle diese Fragen zusammenkommen. Das Abschied-Nehmen, das Kontakt-aufrecht-Halten, sich verorten, ohne Fuß zu fassen. Ein Call-Shop ist ein Unort, ein Zwischenort, an den man ja nicht freiwillig geht. Er ist auf einer Metaebene wie ein Sinnbild für den Zustand des Suchens, der eigenen Verortung.




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Copyright © Wiener Zeitung Online 2019
Dokument erstellt am 2018-10-16 16:30:49
Letzte Änderung am 2018-10-16 16:41:43



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