Als US-Präsident William Howard Taft am 23. Mai 1911 vor die New Yorker Bevölkerung trat, leiteten seine Worte eine der wichtigsten Entwicklungen des modernen Stadtlebens ein. Der Anlass "sei ein bemerkenswerter Plan, um den bescheidensten und ärmsten Einwohnern der Stadt die Möglichkeit zu bieten, sich Informationen jeglicher Art anzueignen".

An jenem Tag wurde an der Ecke Fifth Avenue und 42nd Street die New York Public Library (NYPL) eingeweiht. Eine Institution, die sich bis heute einem Prinzip verschreibt: Lebenslanges Lernen zu inspirieren, Wissen zu vertiefen und die Gemeinschaft zu stärken. Gegründet war die NYPL bereits am 23. Mai 1895 worden, als der New Yorker Anwalt John Bigelow mithilfe der Samuel J. Tilden Stiftung die privaten Bibliotheken John Astors und James Lenox zusammenlegte. In ihren ersten Jahren war die NYPL häufig eine Anlaufstelle für Immigranten, um ihnen beim Einleben in der Neuen Welt zu helfen.

Dieses Prinzip der gesellschaftlichen Verantwortung wandert aus der realen Welt auch in die filmische Darstellung der NYPL. Onkel Ben etwa lehrt seinem Neffen Peter Parker (Tobey Maguire) "Mit großer Macht kommt große Verantwortung", als er diesen in "Spiderman" (2002) gegenüber der Bibliothek absetzt. Die NYPL bietet heute vor allem sozial Schwächeren Leseprogramme oder Fortbildungen. Auf ähnliche Weise bringt Henrys (Harrison Ford) Tochter ihm in "In Sachen Henry" (1991) im Lesesaal das Lesen bei, als er nach einem Schädelhirntrauma alles vergessen hat. In "Die Zeitmaschine" (2002) nutzt Alexander Hartdegen (Guy Pearce) Vox 114, eine holographische A.I. der Bibliothek, als Lehrer für die Eloi-Kinder.

Als Schnittpunkt des gesellschaftlichen Lebens kreierte die NYPL mit den Jahren einen filmischen Widererkennungswert, der über Bildung hinausging. In "Ghostbusters" (1984) müssen Venkman (Bill Murray), Stantz (Dan Aykroyd) und Spengler (Harold Ramis) bei ihrem ersten Auftrag den Geist der Bibliothekarin Eleanor Twitty vertreiben. In "Sex and the City" (2008) will Carrie (Sarah Jessica Parker) Mr. Big in der Bibliothek heiraten. Holly Golightly (Audrey Hepburn) und Paul Varjak (George Peppard) verbringen in "Frühstück bei Tiffany’s" (1961) ihren Tag mit einem Besuch der Räumlichkeiten.

Eckpfeiler der Zivilisation

Seit 9/11 dient die Bibliothek auch als Krisen-Infostelle. Als das World Trade Center 2001 einstürzte, fanden die Bewohner nicht nur Notfall-Informationen online, sondern auch Unterschlupf im Gebäude. Diesen Ort der Zuflucht nimmt die NYPL auch in "The Day After Tomorrow" (2004) ein, als die Eiszeit über New York hereinbricht. Die NYPL diente noch mehrmals als Mahnmal einer untergegangenen Kultur in einem postapokalyptischen Umfeld. In "Rückkehr zum Planet der Affen" (1970) ist die Bibliothek eine Behausung der Affen. In "Oblivion" (2013) zieht Jack Harper (Tom Cruise) an deren Ruine vorbei.

Der Anspruch, ein Eckpfeiler des gesellschaftlichen Lebens zu sein, bot über die Jahre auch jede Menge komödiantisches Potenzial. In einer "Seinfeld"-Folge wird Jerry einem bürokratischen Albtraum ausgesetzt, als nicht sicher ist, ob er vor Jahren vergessen hat, ein Buch zurückzugeben. In "Futurama" verkriechen sich böse Gehirnaliens in dem Gebäude. Denn nervtötende Streber, egal ob Mensch oder Alien, sind immer in einer Bibliothek zu finden.