• vom 21.03.2014, 15:58 Uhr

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Sog der Selbstausbeutung




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Low-Budget-Filmemachen: Gloria Dürnberger ist Regisseurin, Protagonistin und Kamerafrau ihres Films "Das Kind in der Schachtel".

Low-Budget-Filmemachen: Gloria Dürnberger ist Regisseurin, Protagonistin und Kamerafrau ihres Films "Das Kind in der Schachtel".© Geyrhalter Film Low-Budget-Filmemachen: Gloria Dürnberger ist Regisseurin, Protagonistin und Kamerafrau ihres Films "Das Kind in der Schachtel".© Geyrhalter Film

"Everyday Rebellion" der Riahi-Brüder reagiert optisch unmittelbar auf die weltweiten Protestbewegungen zwischen Femen und Occupy Wall Street. "Kick Out Your Boss" von Elisabeth Scharang seziert alternative Arbeitsweisen großer Betriebe; Scharang thematisiert, dass im Internet-Zeitalter die wichtigsten Großkonzerne immer größere Konzernzentralen errichten, in denen dann alle Mitarbeiter mit ihren Sitznachbarn erst recht über E-Mail kommunizieren anstatt persönlich. Der Film zeigt Gegenentwürfe zu solchen verkrusteten Strukturen und findet, dass Gewinnmaximierung nicht die einzige Triebkraft der Wirtschaft sein darf.

Aber auch ganz persönliche Arbeiten wie "Das Kind in der Schachtel" weisen hier auf der Diagonale einen sehr unmittelbaren Stil auf: Gloria Dürnberger wurde als Baby von ihrer an Schizophrenie erkrankten Mutter zu Pflegeeltern gegeben. 30 Jahre später versucht sie eine Aufarbeitung dieser Tat; in intimem Rahmen sucht Dürnberger ihre Mutter auf, stellt unangenehme Fragen an diese kranke Frau, die bis heute mit der Kindesweglegung hadert. Es ist ein berührendes Dokument eigener Selbstfindung, selbstreflexiv, ungeschönt, roh und zugleich gefühlvoll.

"Und in der Mitte, da sind wir" von Sebastian Brameshuber ist auch ein Zeugnis von Identitätssuche: Er begleitet Jugendliche in Ebensee, die im ländlich geprägten Alltag gefangen scheinen und Perspektiven suchen. Brameshubers Untersuchung ist sehr genau und authentisch.

All diese durchwegs starken Dokus sind nur bedingt kinotauglich; das gilt auch für viele Spielfilme: Herausragend ist hier "Abschied" von Ludwig Wüst. Der Filmemacher entwickelt konsequent und überaus gelungen seinen Stil weiter, zwischenmenschliche Beziehungen in Echtzeit zu sezieren. Hier zählt die Geste mehr als das Bild. Stilisierter geht es in "Fieber" von Elfi Mikesch zu: Eine Frau (Eva Mattes) sucht nach den Erinnerungen an die Kindheit - hier gibt es tolle Kinobilder, leider zu Lasten einer tragenden Erzählstruktur.

3. Akt: Die Auflösung
Die Branche lebt - das lässt sich an vielen der hier gezeigten Filme optisch, stilistisch und erzählerisch ablesen - von einem hohen Maß an Selbstausbeutung. Die großen, internationalen Filmerfolge der letzten Jahre haben vergessen gemacht, wie wichtig die Förderung am Nachwuchs ist. Talent ist da, aber zu wenige, die es pflegen und entwickeln. Auch wenn die Petition der Filmschaffenden zuallererst um bessere wirtschaftliche Verhältnisse ringt, so zeigt sich am Ende doch: Geld allein reicht nicht aus. Es braucht den Mut, diese Mittel in Talente zu stecken, die bislang gezwungen sind, kleine Filme mit kleinsten Budgets zu drehen. Für die Zukunft des österreichischen Films wäre alles andere ein Drama.

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Film, Diagonale

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Dokument erstellt am 2014-03-21 16:02:07



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