Der Begriff Remake ist im Mainstream inzwischen die Auszeichnung für größtmögliche Phantasie- und Ideenlosigkeit. Das gilt allerdings nicht für die Filme, die der Sizilianer Luca Guadagnino (oscarnominiert für "Call Me By Your Name") dreht. Man kann ihm nämlich nicht vorwerfen, dass seine Remakes ein Wiederkäuen ausgelutschter Geschichten wären; als er 2015 sein Spielfilmdebüt mit "A Bigger Splash" mit Dakota Johnson und Tilda Swinton gab, da musste man schon sehr genau hinsehen, um zu erkennen, dass es sich um ein Remake von Jacques Derays "Der Swimmingpool" mit Romy Schneider und Alain Delon handelte.

Swinton und Johnson sind nun auch in Guadagninos neuestem Remake dabei: Diesmal hat er sich des Horrorklassikers "Suspiria" (1977) des italienischen Kultregisseurs Dario Argento angenommen und auch hier kräftig umgerührt in Stil, Optik, Machart. Argentos Film bot eine grelle, kompakte und mystische Horror-Erfahrung, aus der Guadagnino eine erdfarbene, zweieinhalb Stunden und sechs Kapitel dauernde Opposition zum Original entwarf.

Verschwundene Tänzerin

Die Handlung spielt im geteilten Berlin des Jahres 1977. Die junge Amerikanerin Susie (Johnson) will sich hier bei der bekannten Ballettschule "Marcos Dance Academy" anmelden, deren Schulleiterin Madame Blanc (Swinton) sofort das Potenzial von Susie erkennt und sie fördert. Jedoch scheint hier einiges im Argen: Susies Platz an der Schule ist nur deshalb verfügbar gewesen, weil ihre Vorgängerin Patrica (Chloë Grace Moretz) völlig überraschend spurlos verschwunden ist. Sie wurde zuletzt von dem alten Psychiater Dr. Josef Klemperer (gespielt von einem gewissen Lutz Ebersdorf, der aber in Wahrheit auch Swinton ist) gesehen. Mysteriöse Vorfälle verdichten sich zur Offenbarung eines finsteren Geheimnisses.

"Suspiria" ist in seiner Neufassung ein großzügiges, beinahe schon elegisches Drama; tatsächliche Schockmomente zum Fürchten zeigt der Film nur recht selten. Viel bedrückender wirkt da die Grundstimmung, in die Guadagnino seine Erzählung taucht: Die Handlung findet am Höhepunkt des deutschen RAF-Terrors statt, und dieser Terror, der das Land in seiner Gewalt hält, setzt sich auch im Innersten der Charaktere fort. Dieser Eindruck verstärkt sich noch, weil der Regisseur seine schon aus "A Bigger Splash" bekannte, unterkühlte Sichtweise auf Setting und Figuren diesmal noch trockener und intensiver vorträgt. Wie ein Gegenentwurf wirkt da der Soundtrack von Radiohead-Sänger Thom Yorke, dessen poppiger Sound die Stimmung des Horrors konterkariert. Das verstärkt den Eindruck, Guadagnino setze bei seinen Remakes bewusst auf größtmögliche Gegensätze, um sich vom Original nicht nur abzuheben, sondern völlig eigenständige Welten zu schaffen.

"Suspiria" will mehr sein als ein Horrorfilm; ihm haftet eine politische, eine gesellschaftliche Message an: Es geht um Verführung und um das Beherrschtwerden. Auch eine Psychologie der Schuld schwingt da mit. Zuweilen ist "Suspiria" ob dieses angestrengten Subtextes ein Kino, das man sich erst erarbeiten muss.