Die 15-jährige Lara will Balletttänzerin werden. Nicht als Hobby möchte sie in ihren Spitzenschuhen Pirouetten drehen, sondern in einer professionellen Schule ausgebildet werden. Allein dieser Werdegang ist ein äußerst harter, voller Entbehrungen und auch Schmerzen: Man sieht blutig getanzte Zehen, erlebt bösartige Intrigen erschöpfter Eleven, die an ihre physische und psychische Belastbarkeitsgrenze streifen und diese auch schon einmal überschreiten. Doch Tanz ist Laras Berufung. Den tagtäglichen Kampf mit ihren Körper und Geist, um diese so zu formen, wie es das Ballett verlangt, möchte sie eingehen.

Doch diesem Kampf nicht genug, Lara hat es noch viel schwieriger: Sie ist ein Mädchen im Körper eines Buben. Von Kindesalter an - ihr Geburtsname ist Victor - fühlte sie sich als Mädchen, nun darf sie mit der alles verändernden Hormontherapie beginnen, die für sie in der geschlechtsumwandelnden Operation gipfeln wird. Bis dahin heißt es für Lara, die unerwünschten Geschlechtsteile den ganzen Trainingstag lang per Klebeband an den Bauch festzuzurren und wenig zu trinken - bis hin zur Genitalentzündung. Doch Lara ist ungeduldig, viel zu langsam werden nach ihrem Verständnis die Hormondosen erhöht, viel zu lange dauert es noch bis zur OP. Disziplin und Selbstbeherrschung lernte sie bereits beim Ballett, dennoch entschließt sie sich letztlich zu einem radikalen Schritt.

Einfühlsamer und professioneller könnte das Spielfilm-Debüt "Girl" des belgischen Regisseurs Lukas Dhont nicht ausfallen - er erhielt heuer in Cannes die Caméra d’Or für den besten Erstlingsfilm. Dhont verzichtet auf Klischees, Effekt- und Mitleidshascherei - es wäre zu banal. Subtil zurückhaltend führt er in die Transgender- und Pubertäts-Problematik ein. Es gelingt ihm, das Thema der Hormontherapie und Geschlechtsumwandlung als Faktum wertneutral wirken zu lassen. Allein Laras Findung und der doppelte Kampf mit ihrem Körper steht mit ungekünstelten Einstellung, die sie nie aus dem Fokus verlieren, im Mittelpunkt.

Beeindruckende Darstellung

Herausragend ist auch die Kameraführung in den Ballettszenen: Im exakten Tanzmoment wird das Bild so eingefangen, dass der ballettkennende Zuseher kleine technische Mankos des Hauptdarstellers nur erahnen kann, aber niemals sieht. Die Qualität dieses Films basiert freilich auch auf Victor Polsters Darstellung der Lara. Neben seinem beeindruckenden Können als Tänzerin - auch in Spitzenschuhen - ist sein Filmdebüt überzeugend in Natürlichkeit und Authentizität. Dhont hält das Zusammenspiel mit Arieh Worthalter, Laras alleinerziehender Vater, und Oliver Bodard, der sechsjährige Bruder Milo, sorgsam im Hintergrund. Dennoch wird die Unterstützung der beiden Figuren Laras emotionales Rüstzeug für ihr Transgender-Coming-of-Age.