Es ist ein Teufelskreis, der sich immer schneller dreht. Letztlich verschlingt er seine Opfer - oder auch nicht. Viele gestalterische Möglichkeiten bietet ein Drogendrama nicht gerade, meist laufen sie gleich ab: Beginn der Sucht - tiefer Fall - Tod oder Läuterung. Auch der englische Erstlingsfilm "Beautiful Boy" des belgischen Filmemachers Felix Van Groeningen hält sich an dieses Schema und zeigt gleichzeitig, wie raffiniert und bewegend man dies inszenieren kann.

Van Groeningens Film beruht auf zwei Biografien: Einerseits auf dem Buch "Beautiful Boy: A Father’s Journey Through His Son’s Addiction", das der Journalist David Sheff über den zehnjährigen Kampf seines Sohnes gegen die Drogensucht geschrieben hat, und andererseits auf "Tweak: Growing Up on Methamphetamines" von seinem Sohn Nic, der diese Jahre mit seinen eigenen Erinnerungen festhält: Der 18-jährige äußerst intelligente Nic (Timothée Chalamet) wächst bei seinem Vater David (Steve Carell) und seiner Stiefmutter (Maura Tierney) sowie mit seinen Halbgeschwistern in einer gutbürgerlichen, kulturaffinen und sorglosen Umgebung auf.

Nur scheinbar die perfekte Familie

Dieses perfekte Bild einer glücklichen Familie setzt Van Groeningen aus Rückblenden in die Kindheit Nics zusammen. Da lehnen Vater und Sohn auch einmal lässig am Auto, kiffen und sprechen über Drogenerfahrungen. Dazu Nirvanas "Territorial Pissings", einer der 18 Songs, die das Leben Nics begleiten: So hat Dave etwa seinen Sohn mit John Lennons "Beautiful Boy" in den Schlaf gesungen.

Allmählich werden Nics Drogenexperimente intensiver, bis er, von Crystal Meth und inneren Widersprüchen gezeichnet, einmal mehr seinen Vater trifft, um, nach abgebrochenem Entzug in einer Klinik und wochenlangem Untertauchen, Geld zu erbetteln. David scheut nicht vor einem Selbstversuch zurück, um seinen Sohn zu verstehen und zu unterstützen, doch er kann die Sucht nicht aufhalten. David ringt mit Nics Lügen und Vertrauensbrüchen, bis ihm klar wird, dass er ihm nicht helfen kann, wenn Nic das nicht möchte - das zentrale Statement des Films.

Jungstar Timothée Chalamet (für "Call Me By Your Name" wurde er Oscar-nominiert) agiert detailreich und dennoch schlicht: Sein Blick wechselt zwischen Verwirrung, Aggression, zwanghaftem Verlangen. Manchmal beißt er einfach nur die Kiefer zusammen - typisch für Crystal-Meth-Süchtige. Er setzt einmal mehr auf Natürlichkeit und nicht auf Dramatik, wenn etwa seine Umarmung eher einem Hilferuf durch Klammern ähnelt als einem Liebesbeweis. Auch Steve Carell spielt David emotionsreich, doch Chalamets junges Talent übertrifft den immerwährend stoisch wirkenden, dennoch unablässig hoffnungsfrohen Vater. Ein Drama, das vor allem mit der Musikwahl und Timothée Chalamet punktet.