Es gibt zwei Schulen bei der Interpretation von prominenten Persönlichkeiten: Die einen, die sagen, man müsse sich so weit wie möglich dem darzustellenden Vorbild annähern, die anderen, die dies strikt ablehnen: Sie schwören darauf, das Original nur mittels eigener Interpretation abzubilden, um die Gefahr jeglichen Imitats oder jeglicher Karikatur zu vermeiden.

Christian Bale geht in dieser Frage einen eigenen Weg: In der Rolle des einstigen US-Vizepräsidenten Dick Cheney verwandelt er sich - mit 30 Kilo mehr auf den Hüften und nach einer täglichen, mehrstündigen Make-up-Prozedur in der Maske - zum optischen Lookalike des Politikers und agiert auch in Gestik, Mimik und Bewegungen wie dieser, schafft es aber, der Figur dennoch die Bale-typische Aura zu geben, die stark über die Blicke funktioniert. Insofern pickt Bale sich das Beste aus beiden Schulen heraus, um die ultimative Interpretation zu gestalten - eine Leistung, die ihm nicht unverdient eine Oscarnominierung als bester Hauptdarsteller eingebracht hat.

Unter der Regie von Adam McKay (er ist ebenfalls oscarnominiert) zeichnet Bale den Werdegang Cheneys nach: Im Wyoming des Jahres 1963 war Cheney noch mit dem Reparieren von Stromleitungen beschäftigt, weil er das Studium in Yale wegen seiner Alkoholexzesse hingeschmissen hat. Das Trinkverhalten hat er beibehalten, und nachdem er wegen Trunkenheit am Steuer erwischt worden ist, will ihn seine Frau Lynne (Amy Adams) verlassen - es sei denn, Cheney kriegt endlich sein Leben unter Kontrolle.

Dies gelingt mit einem Praktikum in Washington, und an der Seite von Donald Rumsfeld (Steve Carell) beginnt er eine beispiellose politische Karriere, die ihn weit bringen wird. Unter George Bush senior (John Hillner) wird er Verteidigungsminister, den politischen Zenith erreicht er als Vizepräsidentschaftskandidat an der Seite von George W. Bush (Sam Rockwell). Nach dem 11. September 2001 ist es Cheneys maßgeblicher Einfluss, der den späteren Irakkrieg vorantreibt.

Ein Stratege, der sich nie in
die Karten blicken ließ

Von da an ist Cheney einer der mächtigsten Strategen der Welt, der aber stets im Hintergrund bleibt und sich nicht in die Karten blicken lässt. Christian Bale legt Cheney als einen starren, beharrenden Machtpolitiker an, für den jede Form von Verhandlung eine Niederlage darstellt. Ein Mann, der nichts bereut und keine Fehler eingesteht. Unter diesem Aspekt ist er auch Wegbereiter für den Politikstil von Donald Trump gewesen.

Regisseur Adam McKay verpackt Bales herausragende Performance in ein rasant geschnittenes, temporeiches Politdrama, das nicht nur US-Zeitgeschichte aufschlüsselt, sondern dies auch mit den Spielformen des Humors tut; es ist eine wilde Mischung aus Drama und Komödie, zeigt aber auch detaillierte Einblicke in den amerikanischen Polit-Betrieb, die für so manchen Zuschauer ohne Vorwissen vielleicht nur schwer zu fassen sein dürften.

Wie die Abläufe im Innersten der Macht funktionieren, erklärt "Vice - Der zweite Mann" allerdings nur zum Teil. So richtig aufschlussreich ist er am Ende nämlich nicht. Doch Bales unglaubliche Wandlungsfähigkeit macht diesen Umstand schnell vergessen.

Drama

Vice - Der zweite Mann,

USA 2018

Regie: Adam McKay

Mit: Christian Bale, Amy Adams, Steve Carell, Sam Rockwell, Tyler Perry, LisaGay Hamilton