Fatih Akin, der vom deutschen Feuilleton für seine neue Regiearbeit "Der goldene Handschuh" arg geprügelt worden ist, hat mit dieser Verfilmung des Romans von Heinz Strunk eigentlich gar keine Prügel verdient. Im Gegenteil: Offenbar haben die Kollegen den Film nicht verstanden, anders wäre ihre Empörung nicht zu deuten. Was Akin aus dem Stoff macht, ist nichts weniger als ein kleines Meisterwerk über die Ränder des Wirtschaftsaufschwungs im Nachkriegsdeutschland der 70er Jahre, in dem das Wort Vergangenheitsbewältigung noch nicht zum Sprachgebrauch zählte und man vor allem jene Menschen zu sehen bekommt, die vom Aufschwung übersehen worden sind. Es ist wie eine Miniatur, wie ein Blick auf ein Kleinod, ein Sammelbecken für Gestrandete, mit großer Sorgfalt inszeniert, optisch mit der Patina verrauchter Spelunken und gemusterter Tapeten versehen, ganz holzschnittartig in der Figurenzeichnung zwar, aber dabei gewollt zuspitzend, wunderbar feinsinnig und fast schon zärtlich zu diesen abstoßenden Figuren, die hier eine wahre Geschichte nacherzählen. Akin nannte als Vorbilder einerseits Fassbinder, andererseits den Horror, den die Filme von Michael Haneke und Ulrich Seidl bei ihm entfachen; folgerichtig bezeichnet er "Der goldene Handschuh" als Horrorfilm, der er aber nicht ist, was die Genre-Definition angeht.

Grausame Reeperbahn

Erzählt wird die wahre Geschichte des Frauenmörders Fritz Honka (große Leistung: Jonas Dassler) der Anfang der 70er Jahre etliche Frauen auf Hamburgs Reeperbahn abgeschleppt, vergewaltigt und zerstückelt hat. Die Frauen gabelte er im "Goldenen Handschuh" auf und brachte sie volltrunken zu sich nach Hause. Dort vergewaltigte und ermordete er sie, zersägt die Körper und versteckt die Leichenteile hinter den Wänden seiner versifften Junggesellenwohnung. Akin wählt für diese Mordszenen drastische Mittel, sieht aber im entscheidenden Moment dann doch nicht kompromisslos bei den Taten zu, sondern spielt durch Auslassungen auch der Fantasie des Publikums eine Rolle zu; es kann sich die Grauslichkeiten selbst ausmalen.

Fritz Honka zeigt Akin als hässlichen, alkoholkranken Taugenichts, der außer Korn kaum Flüssigkeit zu sich nimmt. Der Massenmörder als Naivling erster Güte, mit durchdringender Intensität gespielt und inszeniert, vor dem Hintergrund eines perspektivenlosen, auch entmenschlichten Deutschlands. Die Wienerin Margarethe Tiesel ist Dassler im Film eine kongeniale Partnerin, und durch ihre Mitwirkung in "Paradies: Liebe" ganz offensichtlich als Hommage an die Filme Ulrich Seidls gedacht.

Die Protagonisten versuchen nicht viel, um ihre Misere zu beenden. Irgendwann aber entwickelt selbst Honka so etwas wie eine Perspektive, findet Arbeit, trägt saubere Kleidung; aber dem Zuschauer ist schon bald klar, dass das nicht so bleiben wird.

Honka und die Frauen: Selten hat ein unsympathisches Figurenkabinett wie dieses eine derartige Sogwirkung entfaltet, selten pendelt man dabei so eklatant zwischen Mitleid und Abscheu. Es ist ein kleiner Film, der Großes erzählt.