"Lass die Vergangenheit hinter dir. Du musst deine Emotionen unter Kontrolle bekommen." Es sind klare Ansagen, die Yon-Rogg (Jude Law) an seine Trainingspartnerin richtet, aus deren Händen immer wieder unkontrollierte Feuerkugeln schießen. Diese Person ist Carol Danvers (Brie Larson), auch bekannt als die Superheldin Captain Marvel. Nur weiß Carol das zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Die von Gedächtnisverlust gebeutelte Frau nennt sich Vers und möchte zu der Militärelitetruppe der Kree, der Alienrasse, unter der sie lebt, gehören. Dafür müsse sie erst ihr Wesen unter Kontrolle bekommen. Eine Auflage, auf die der Film immer wieder zurückkommen wird.

Elf Jahre hat das MCU (Marvel Cinematic Universe) gebraucht, um eine weibliche Heldin in den Mittelpunkt zu stellen. Mit Carol Danvers hat sich das Produzententeam rund um Kevin Feige eine Figur ausgesucht, die erstmals 1977 in den Comics den Namen Captain Marvel übernahm. Nun bietet sich ihr auch die Möglichkeit, in Sachen Superheldinnen-Film eine Vorreiterrolle zu spielen. Bis DC 2017 mit "Wonder Woman" endlich die Spielregeln änderte, mussten Fans mit missglückten Filmen wie "Supergirl" (1984), oder "Catwoman" (2004) vorliebnehmen. Dass der Film nun so mittelmäßig geraten ist, tut daher umso mehr weh.

Verloren im größeren Plot

Der Film versucht, eine Origin Story zu erzählen, ohne eine Origin Story sein zu wollen. Carol besitzt bereits ihre Kräfte, ihre Amnesie bietet daher die Möglichkeit, ihre Geschichte rückwärts zu erzählen. Der Schwall an Informationen, der über den Zuschauer niederbricht, um den Bezug zu anderen MCU-Filmen herzustellen, lässt ihn zudem bloß als fehlendes Puzzleteil in einem größeren Narrativ wirken.

Carol wird im Laufe der Handlung als Teil der Eliteeinheit "Starforce" auf ihrer Mission gegen die verfeindeten Skrull von ihren Mitstreitern getrennt und landet auf dem Planeten C-53, auch bekannt als Erde. Die Skrull, eine Rasse von Gestaltenwandlern, suchen dort Dr. Wendy Lawson (Annette Bening), eine Wissenschafterin und offensichtlich jemand, den Carol aus einem früheren Leben kennt. Doch es geht nicht nur um Carols Herkunft. Als die junge Kämpferin aus dem All in einen Blockbuster-Videoverleih stürzt und zur Online-Recherche schon mal Altavista verwendet, ist klar, der Zuschauer blickt gerade zurück in die 90er, die frühen Jahre von S.H.I.E.L.D.

Mangel an Tiefe

Nick Fury (Samuel L. Jackson) lässt auch nicht lange auf sich warten, und so beginnt die Suche nicht nur nach den Skrull rund um Talos (Ben Mendelsohn), sondern auch nach Carols Vergangenheit. Während die Seitenhiebe auf 90er-Jahre-Technologie und der gelegentliche Fanservice unterhaltsam sind, bleibt es die zentrale Story über Strecken nicht. Larson gibt ihr Bestes, der Fokus der Geschichte auf ihre Amnesie nimmt der Heldin aber die Möglichkeit, sich als Figur zu entfalten. Jeder Film hat ein Problem, wenn die Nebenfiguren interessanter und komplexer wirken, vor allem wenn es sich um eine Katze namens Goose handelt.

Was den Film letztendlich doch noch einmal herumreißt, ist ein spannender letzter Akt, eine Konfrontation Captain Marvels mit ihren Widersachern. Hier schließt sich der Kreis von der Frage nach den Emotionen Carols, die vielleicht ihr Potenzial zu einer Kree-Soldatin untergraben, sich aber als eine ihrer größten Stärken in Sachen Eignung zur Superheldin offenbaren.