Skisprung ist ein demütiger Sport. Blasse, dünne Männer trainieren jahrelang. Sie fasten. Sie automatisieren hochkomplexe Bewegungsabläufe. Sie gehen in den Windkanal, statt auf ein Bier. Sie opfern ihre Jugend dem hehren Ziel, wie ein Vogel durch die Luft zu fliegen. Trotzdem scheitern die meisten. Weltweit beherrschen den Sport nur wenige Menschen.

Skisprung ist ein ästhetischer Sport. Im Idealfall ist ein Skisprung ein Ausdruck von Schönheit. Der Athlet jagt mit bis zu 110 Stundenkilometer den Anlauf hinunter, springt ab, hebelt seinen Oberkörper ins Nichts, um in einem grazilen Akt, wie von Geisterhand, durch die Luft zu gleiten. Ein weiter Sprung ist immer schön, denn er bedingt einen ästhetischen Sprungstil.

Skisprung ist ein einsamer Sport. Am Anlaufturm ist der Springer allein. Er hört den Wind durch die Baumwipfel pfeifen. Niemand steht ihm bei. Er hat kein Team. Skispringen ist eine Individualsportart. Die Konsequenz seiner Fehler muss der Springer selbst tragen. Sie können Leib und Leben bedrohen.

Skisprung ist ein mutiger Sport. "Mut heißt nicht, frei von Angst zu sein. Mut heißt, sich nicht von der Angst diktieren zu lassen", sagte der Olympiasieger Anton Innauer einmal. Alle Skispringer haben Angst, denn was sie tun, widerspricht jeglichem menschlichen Instinkt. Am sogenannten Zitterbalken schießt Adrenalin in ihr Blut. Das Hormon soll reflexartig Schutzmechanismen auslösen. Skispringer haben gelernt diese Furcht zu überwinden.

Der Rattenfänger heißt 3D

Demut, Angst, Gefahr, Mut, Schönheit, Scheitern, Einsamkeit. Die Randsportart Skispringen hat alle Ingredienzien für emotionale Geschichten. Sie ist in ihrem Wesen spektakulär. Sie begeistert das Publikum vor Fernsehgeräten, Leinwänden, in Sprungstadien. Und sie tut das seit über hundert Jahren. Dazu braucht der Skisprung kein Brimborium um ihn herum. Der Akt des Skisprungs ist Spektakel genug.

Nun versucht der Dokumentarfilm "The Big Jump" des Regisseurs Ernst Kaufmann der Faszination des Skisprungs auf die Schliche zu kommen. Er verfängt sich in dem Irrglauben, die Sportart mit allerlei Gedöns aufmotzen zu müssen. Der Rattenfänger heißt 3D. Der Film verspricht, den Zuseher mittels moderner Kameratechnik tief in die Welt des Skisprungs eintauchen zu lassen. Die Bilder, die der Film liefert, sind allemal sehenswert. Doch sie tun wenig zur Sache, sie lenken ab. Immer wieder fliegen Athleten in 3D zu dramatischer Musik über die Leinwand. Das ist zweifellos beeindruckend. Der Faszination des Sports kommt man dadurch jedoch nicht näher. Auch einen, im Hubschrauber über der Sprungarena kreisenden Hanno Settele, der durch den Film führt, braucht es dazu nicht. Genauso wenig, wie den ehemaligen Skispringer Sven Hannawald, der offensichtlich nur dazu dient, den Film mit seinem Namen aufzuhübschen.

Gespräche geben Einblicke in die Szene

Das Wesen der Sportart offenbart sich nicht in moderner 3D-Technik. Werner Herzog kommt ihm in seinem schwarz-weißen Skisprungfilm "Die große Ekstase des Bildschnitzers Steiner" aus dem Jahr 1974 wesentlich näher. Herzog begleitete den Skispringer Walter Steiner bei der Skiflug-Weltmeisterschaft in Planica. Mittels Super-Zeitlupe gelang es ihm, das gedehnte Zeitgefühl des Springers während des Sprungs zu vermitteln. In endlosen Monologen philosophiert Steiner über seine Emotionen und den kindlichen Tagtraum, wie ein Vogel über die Landschaft zu fliegen.