Können Franzosen Western drehen? Sie können, und dabei müssen sie das Genre nicht mal lieben. Wie Jacques Audiard. Der Western habe ihn nie besonders interessiert, und Angst vor Pferden habe er auch, sagt er. Insofern ist es ein Kunststück, von diesem viel dekorierten Arthaus-Regisseur, der Filme wie "Ein Prophet" oder "Dämonen und Wunder" gedreht hat, einen der launigsten Western der letzten Jahre aufgetischt zu bekommen.

"The Sisters Brothers" ist schon von seinem Titel her eine Farce: Die Brüder, um die es hier geht, heißen mit dem Nachnamen Sisters, und dieses "Die Brüder der Schwestern" ergibt im Englischen natürlich ein wunderbares Wortspiel. Der ganze Film kokettiert mit Versatzstücken und Klischees aus dem Western-Genre und tut dies so frech und geradeheraus, dass es eine Freude ist. Man erfährt zum Beispiel, wie sich die Männer im Wilden Westen dereinst gefreut haben müssen, wenn sie einmal in einem Luxushotel der damaligen Zeit den Vorzug gerade erfundener Körperpflege kennenlernen dürfen, und zwar in Form von Zahnbürsten und echten Toiletten mit Spülung.

Audiard erzählt nach seinem eigenen und Thomas Bidegains Drehbuch die Geschichte besagter Brüder, die ihren Lebensunterhalt im Wilden Westen des Jahres 1850 mit der Durchführung von Auftragsmorden bestreiten. Die Sisters Brothers sind berüchtigt und gefürchtet. Ihr Auftraggeber, der Commodore (Rutger Hauer), ersehnt sich das Ableben eines ausländischen Goldsuchers namens Hermann Warm (Riz Ahmed) und heuert deshalb Eli (John C. Reilly) und Charlie Sisters (Joaquin Phoenix) an. Die spüren dem Gesuchten über 1000 Meilen quer durch Oregon nach. Doch auch die Sisters Brothers werden verfolgt, und zwar von dem Detektiv John Morris (Jake Gyllenhaal), der wiederum den Goldsucher schützen will.

Die vier treffen schließlich aufeinander, doch anstatt sich die Köpfe einzuschlagen, tun sie sich zusammen: Schließlich soll der letzte Schrei bei der Goldsucherei eine extrem ätzende Tinktur sein, die die Goldnuggets im Flussbett sichtbar macht. Der für die vier plötzlich greifbare Reichtum lässt sogar die Sisters Brothers ihren Killer-Job an den Nagel hängen, was selbstredend den Commodore recht aufbringt.

Teufelskreis der Gewalt

Dass das mit der Tinktur nur bedingt zum Goldsuchen geeignet ist, erfahren die Beteiligten am eigenen Leib, als sie sich durch die Anwendung der Chemikalie schwerste Verätzungen zuziehen - Morris und Warm sterben an ihrer Geldgier, Charlie kommt immerhin damit davon, sich nur einen Arm amputieren zu müssen.

Für die Sisters Brothers bleibt das Goldsuchen nur eine Episode im Prozess ihres steten Veränderungswillens. Es erweist sich als gar nicht so leicht, den Teufelskreis der Gewalt zu durchbrechen und ein neues Leben anzufangen. Schon gar nicht in der Wildnis der 1850er Jahre, bei dem das nächtliche, idyllische Schläfchen unter einem Baum schon mal den Umstand mit sich bringt, dass einem eine Vogelspinne in den Mund kriecht. Elis körperliche Reaktionen am Folgetag gehören zu den spaßigsten Miniaturen in dieser großartigen Western-Humoreske. Jacques Audiard zeigt jedenfalls großes Gespür für Humor, seine Darsteller, allen voran der wunderbare John C. Reilly, machen ihre Sache ausgezeichnet. Audiard hat nicht zuletzt Reilly zu verdanken, dass er die Spielformen des Westerns sichtlich doch lieben gelernt hat.