Ihr strähniges Haar, ihr grauer Teint, ihre leeren Augen. Die Polizistin Erin Bell (Nicole Kidman) hat wahrlich bessere Tage gesehen. Und wir, die Kinobesucher, haben Nicole Kidman noch nie so gesehen, so abgewrackt und kaputt, so ungepflegt und uneitel.

Ein Triumph über das eigene, eine ganze Karriere lang aufgebaute Rollenbild, das ist "Destroyer" von Karyn Kusama für Kidman jedenfalls. Diese Erin Bell war immer schon eine schwierige Persönlichkeit, doch jetzt, als Silas (Toby Kebbell), der Anführer einer Bande von Bankräubern, nach langer Zeit wieder in der Stadt, in ihrem Revier auftaucht, verschwindet ihre eigene Lethargie schlagartig. Vor 17 Jahren hatte Bell das erste Mal die Bekanntschaft mit Silas gemacht, als verdeckte FBI-Ermittlerin, die in Silas’ Kreise eingeschleust wurde. Die Ergebnisse der Ermittlungen waren verheerend und traumatisierend, und Silas war der Grund, weshalb Bell heute bloß noch wie ein Zombie durch die Straßen von Los Angeles läuft und eine gebrochene Frau ist.

Doch der Tatort, an den man sie nun ruft, legt den Schluss nahe, dass Silas wieder zurück ist in ihrem Leben. Wie aber soll diese einst so starke Frau aus ihrer geschwächten Position heraus die Oberhand über die Situation erlangen, geschweige denn Silas endlich das Handwerk legen? Das Gefühl eines immerwährenden Stillstandes macht sich breit in Bells Leben, und auch im Film.

Zunächst sieht in "Destroyer" alles danach aus, als würde die Regisseurin die Spielweise eines Neo-Noir-Thrillers in gängigen Fahrwassern ausbreiten: Es steht ein Racheakt bevor, und um diesen Akt zu Ende bringen zu können, braucht es Gewalt, mehr Gewalt, noch mehr Gewalt. Doch den üblichen, erwartbaren Entwicklungen läuft "Destroyer" zunächst mit Entschlossenheit zuwider; die Regisseurin greift lediglich erwartbare Dramaturgiemuster auf, um sie immer wieder zu brechen und ihnen neue Wendungen hinzuzufügen.

Nicht ohne meinen Whiskey

Ähnlich ist die Regisseurin bereits in früheren Arbeiten vorgegangen, etwa in dem Boxdrama "Girlfight" (2000) oder "Jennifer’s Body" (2009); beide spielten mit den Genre-Konventionen.

Für "Destroyer" bedeutet das auch den Bruch mit einem Klischee: Der "Bad Cop" ist in Hollywoodfilmen meist ein Mann, oft ein versoffener, kettenrauchender Kerl mit zwielichtigem Umgang und wenig Hang zur Körperpflege. Diese Rolle einmal eine Frau spielen zu lassen, die nach Whiskey stinkt, wenn sie am Tatort ankommt, ist tatsächlich eine veritable Umdeutung von Frauen- und Männerbildern, die man sonst aus dem Klischeekino kennt. Abgesehen von dieser Rollenumkehr variiert auch"Destroyer" in der Folge dann bloß gängige Rhythmen des Genres, da nutzt es auch wenig, dass Nicole Kidman hier wieder einmal mit vollem körperlichen und auch psychischem Einsatz bei der Sache ist.

Kidmans Physis ist der Trumpf dieses Films, die 100-prozentige Konzentration darauf aber zugleich seine größte Schwachstelle.