An Legenden kann man sich schnell die Finger verbrennen, wenn man versucht, sie zu kopieren, außer, man ist selbst eine Legende und hat darob einen Persilschein, was die Neuinterpretation filmischer Klassiker angeht. Tim Burton ist zweifellos so ein Mann, dem man gerade im fantastischen Kino so ziemlich alles zutraut, schließlich hat er seine schräge, bizarre Vorstellungskraft nicht nur in Filmen wie "Batman", "Beetlejuice" oder "Nightmare Before Christmas" unter Beweis gestellt, sondern hat gezeigt, dass er auch mit Neuauflagen von Klassikern umzugehen weiß, man erinnere sich an seine Version von "Alice im Wunderland" (2010).

"Dumbo", Disneys vierter Zeichentrickfilm, der 1941 erschien, ist wie gemacht für ein Remake aus Burtons Hand: Die Geschichte des von der Mutter getrennten, süßen kleinen Elefanten, der draufkommt, dass er mit seinen Schlabberohren in der Lage ist zu fliegen, war seinerzeit nur knappe 64 Minuten kurz, und erst am Ende sah man Dumbo in der Zirkusmanege durch die Lüfte gleiten. Bei Burton verdoppelt sich die Laufzeit, und Dumbo ist nicht mehr der alleinige Star dieses Films, der so viel mehr mitverkauft als das Original: Burton kreiert seine künstliche Zirkuswelt im Studio mit zahllosen Einfällen und opulenter, stets ein wenig düsterer Optik (seinen Hang zur Düsternis durfte er sich nur in Ansätzen bewahren, denn immerhin heißt sein Auftraggeber Disney, und der braucht kinderfreundliche Filme).

Holt Farrier (Colin Farrell), ein einstiger Zirkusstar, ist nach dem Krieg ein gebrochener Mann. Der Zirkusdirektor Max Medici (Danny DeVito) stellt ihn ein, damit er sich um einen neugeborenen Elefanten kümmert, der sehr große Ohren hat und deshalb allerorts zum Gespött wird. Doch bald finden Holts Kinder Milly und Joe heraus, dass Dumbo seine Ohren wie Flügel einsetzen kann. Wenn er schnell genug damit schlackert, hebt er ab und fliegt durch das Zirkuszelt. Das klingt nach einer Sensation, die den angeschlagenen Zirkus retten könnte. An dem Punkt, an dem der originale "Dumbo" endete, tritt hier nun der findige Unternehmer V. A. Vandevere (Michael Keaton) auf den Plan und verleiht der Geschichte noch eine große Wendung: Er will den Zirkus mitsamt seiner fliegenden Attraktion kaufen und in seinen Themenpark Dreamland integrieren.

Diese herzzerreißenden Augen

Dumbo ist trotz der vielen lichtarmen Szenen ein strahlender Babyelefant, der von den Designern unglaublich goldig entworfen wurde: Seine herzzerreißenden Augen, seine großen Schalbberohren, die wunderbaren Ausdrücke in seiner Mimik, die Clownschminke im Gesicht, wenn er auftritt - all das macht "Dumbo" zu einer visuell brillanten, kindgerechten Märchenerzählung, bei der Burton eine sichere Hand beweist: Fantastische Welten, sie sind schließlich sein Metier. Am Ende allerdings hätte "Dumbo" ein wenig mehr Dumbo gutgetan, denn viele Nebenfiguren, etwa die Akrobatin Colette (Eva Green), hätte es gar nicht gebraucht; zugleich ist die schwach gezeichnete Figur des Holt Farrier - obwohl die Hauptrolle - alles andere als unvergesslich.

Wirklich brillant wird "Dumbo" in der Konfrontation zwischen Danny DeVito und Michael Keaton, die beide zuletzt 1992 für "Batman Returns" von Tim Burtons Kamera standen. Die Leinwandchemie lässt sofort an diesen Burton-Klassiker denken, und Keaton erspielt sich hier ganz kühn und mit viel darstellerischer Präzision den Part des fiesen Themenparkbesitzers, einer bösen Version von Walt Disney, und das mitten in einem Disney-Film. Allein schon deshalb ist dieser "Dumbo" sehenswert.