Menschen, die übers Wasser gehen, auf einem Material, das sich den Wellen und Wogen fügt, mit dem Element mitschwingt, als wäre es ein Teil davon. Diese Erfahrung macht dem bulgarischen Installationskünstler Christo sichtlich eine Heidenfreude, wenn er das erste Mal auf den miteinander verschnürten Kanistern wandeln kann, in Ufernähe des Lago d’Iseo in Norditalien. "Ist das nicht fantastisch", ruft er aus. "Fantastisch! Unglaublich."

Er sei ein Mensch, der das Echte, das Reale bevorzuge, wird Christo niemals müde zu betonen. Keine graue Theorie, keine Simulation am Computer, kein Firlefanz. Nur das Echte. Elemente der Natur zu spüren und zu erleben, mit ihnen zu leben.

"Christo - Walking on Water" des bulgarischen Regisseurs Andrey M. Paounov will diesem Künstler auf die Schliche kommen und findet zunächst vor allem eines: Einen leicht erregbaren, beinahe störrischen alten Mann, mit seinen 83 Jahren von erstaunlicher Fitness, der bei allem und jedem, das nicht nach seinem Willen geschieht, ausrasten kann und all die, die ihm gut zureden wollen, zurechtweist. "Es ist schließlich meine Kunst, und ich mache es nur so, wie ich es will", schmettert Christo den Leuten entgegen, die ihn davon zu überzeugen versuchen, dass es nicht ganz ungefährlich ist, einen zwei Kilometer langen Steg aus verbundenen Kanistern über einen See zu legen und dann diesen Steg auch noch für die Öffentlichkeit freizugeben.

Christos Projekt "Floating Piers", das der Film von seinen Anfängen bis zur Umsetzung und Rezeption begleitet, geht zurück auf eine Idee aus dem Jahr 1970, aber mehrmalige Anläufe scheiterten: Niemand wollte Christo die erforderlichen Genehmigungen für den Bau erteilen, außer schließlich die Italiener. Am Ende hatte das temporäre Kunstwerk mehr als zwei Millionen Besucher und Begeher. Ein Triumph für den Künstler, der es immer schon gewusst hatte.

Energie ohne Ende

"Christo - Walking on Water" ist dank seines rüstigen Protagonisten, der einst schon den Reichstag in Berlin verhüllte und dasselbe im Jahr 2020 mit dem Arc de Triomphe in Paris vorhat, eine kurzweilige Filmerfahrung, ganz einfach, weil Regisseur Paounov sich voll auf die charismatische Kraft eines Stars verlassen kann, der ihm die Bonmots und Grantlereien auf dem Silbertablett serviert. Motor der Dramaturgie ist die Kompromisslosigkeit des Künstlers, der alle mit seiner schier nie enden wollenden Kreativität und Energie in den Bann schlägt. Paounov zieht sich als Filmemacher auf das Abbilden, das Dokumentieren zurück, kommentiert nicht, sondern beobachtet den Künstler im Sinne des Cinéma vérité, unvoreingenommen und direkt. Dadurch arbeitet der Film gut heraus, wie die Welt des Künstlers funktioniert und dass er nach nichts mehr strebt als nach Glück in seinem Leben, befeuert allein von der eigenen Schaffenskraft und der eigenen Kunst. Der Film vermittelt, was Christo schon zu Beginn einem jungen Schüler mit auf den Weg gibt: "Kunst ist kein Beruf. Man arbeitet nicht von neun bis fünf. Als Künstler bist du immer Künstler. Es gibt keinen Moment, in dem du kein Künstler bist."

Dokumentarfilm

Christo - Walking on Water

USA/I 2018

Regie: Andrey M. Paounov