"Was immer nötig ist", schworen sich die verbliebenen Avengers schon im Trailer für "Endgame". Was diese Ankündigung betrifft, darf man beruhigt sein. Was Produzent Kevin Feige und das Regie-Duo Anthony und Joe Russo nämlich nicht für nötig hielten, war ein dreistündiges CGI-Kampfgewitter. "Avengers: Endgame" ist ein ruhiger Film, der die elf Jahre und 22 Filme andauernde Reise seiner Helden und ihre dargebrachten Opfer reflektiert. Und wenn es dann doch einmal kracht, dann wird die Szenerie zu reinster Augenweide.

War in "Infinity War" erst die halbe Galaxie Thanos’ (Josh Brolin) Fingerschnipsen zum Opfer gefallen, so setzt "Endgame" nach dieser Dezimierung ein. Iron Man (Robert Downey jr.) und Nebula (Karen Gillan) treiben durchs Weltall, die restlichen Überlebenden rund um Captain America (Chris Evans) haben sich planlos im Avengers-Hauptquartier versammelt. Marvels Neuzugang Captain Marvel (Brie Larson) hilft die beiden Gruppen erneut zu vereinen und durch Nebula ergibt sich auch ein Hinweis auf Thanos’ Aufenthaltsort. Doch mit einer ruhmreichen zweiten Konfrontation wird es nichts. Wie sich herausstellt, hat ihr Gegenspieler die Infinity-Steine nach getaner Arbeit zerstört, um sein Werk unumkehrbar zu machen.

Menschlichkeit statt Action

Die darauffolgenden Szenen legen den Grundstein dafür, warum sich die gegenwärtige Marvel Cinematic Universe Generation so zufriedenstellend verabschiedet. Erstmals geht es nicht um das Risiko für die Welt, sondern um persönliche Dämonen, die Verluste und Verantwortung gegenüber geliebten Personen in einer Welt, in der die Avengers gescheitert sind.

Fünf Jahre vergehen, in denen die Erde in eine semi-postapokalyptische Schockstarre verfällt und die, die noch kämpfen, sich fast krampfhaft an ihre Identität als Superheld klammern. In diese Welt kehrt auch Ant-Man (Paul Rudd) zurück, der zuletzt im subatomaren Raum hängen geblieben war. Er hat gute Neuigkeiten für die Avengers. Da der subatomare Raum anderen physikalischen Bedingungen unterliegt, ist es möglich, diesen als eine Zeitmaschine zu nutzen. Die Avengers fassen somit einen letzten Plan: die Steine um jeden Preis in die Gegenwart zu transportieren und Thanos’ Auslöschung rückgängig zu machen.

Ungleich des etwas hektischeren Vorgängerfilms "Infinity War" finden die Russo-Brüder im Finale die passende Balance zwischen Action und Tiefgang, Charakteren und Schauplätzen. Durfte Thanos-Tochter Gamora (Zoe Saldana) in "Infinity War" strahlen, ist in "Endgame" ihre Schwester Nebula das Herzstück der Geschichte. Der Film bietet zudem eine Bandbreite an Cameos und beantwortet augenzwinkernd einige Fragen, die Fans seit Jahren auf dem Herzen liegen. Dem alten Vorwurf von zu wenigen Superheldinnen stemmt sich in der Abschluss-Schlacht eine weibliche Armada rund um Captain Marvel entgegen.

Der Film, dem man voraussagt, er könne "Avatar" (2009) vom Box-Office-Thron stoßen, bietet eine letzte Reise durch drei Phasen MCU. Von der frisch geformten Truppe in den Straßen New Yorks zu jenen gebeutelten Kämpfern, die ihre Fehler wiedergutmachen wollen. "Ich könnte das den ganzen Tag machen", wirft 2012-Captain America seinem zeitreisenden Alter Ego im Kampf entgegen. "Ich weiß", antwortet dieses erschöpft. Die Avengers sind am Ende ihrer Geschichte angekommen. Es ist eine wohlverdiente Pension, in die Feige und die Russos sie entlassen.