Es gibt einen Punkt in der Karriere einer jeden Schauspielerin oder eines jeden Schauspielers, der sollte nicht überschritten werden; dieser Punkt ist dann erreicht, wenn man beginnt, eine Karikatur von sich selbst zu sein, oder anders ausgedrückt: Wenn man sich, bloß um die Fortschreibung des Mythos von sich selbst bemüht, in die Falle begibt, stereotype Figuren zu spielen, die um den eigenen Status kreisen.

Catherine Deneuve ist wahrlich ein Monument des französischen Kinos, daran ist nicht zu rütteln. Auch ihr ungemein vielfältiges Oeuvre kann sich sehen lassen - in der 134 Produktionen umfassenden Filmografie der inzwischen 75 Jahre alten Diva finden sich etliche Meilensteine der Filmgeschichte, die diese Frau mit ihrer Schauspielkunst geadelt hat.

Doch Frau Deneuve gelangt bereits gefährlich nahe an den Punkt der Selbstkarikatur, vor allem mit ihrem neuen Film "Der Flohmarkt von Madame Claire". Darin spielt sie eine Frau namens Claire Darling, die in einem kleinen Dorf in Frankreich lebt und ordentlich Besitz hat. Claire ist eines Tages der Meinung, ihre letzte Stunde habe geschlagen, weshalb sie all ihr Hab und Gut in den großen Garten ihres Anwesens schaffen lässt und zum Flohmarkt bittet.

Alles verkaufen!

Alles soll verkauft werden, selbst die wertvollsten Erinnerungsstücke - wer mit dem Leben abschließt, der braucht nichts Materielles mehr, jedoch weckt so manches alte Stück auch wehmütige Erinnerungen an früher, an vergangene Zeiten, die Madame Claire plötzlich wieder vor sich zu haben glaubt; ein bisschen entrückt von der Realität gibt Madame Claire für so manchen Flohmarktkunden auch das Bild einer alten, verwirrten Dame ab. Als dann auch noch ihre Tochter Marie (gespielt von Deneuves wirklicher Tochter Chiara Mastroianni) nach 20 Jahren Abwesenheit auftaucht, ist der Aufruhr perfekt: Mutter und Tochter haben nämlich so einiges aufzuarbeiten, was lange Zeit unausgesprochen blieb.

Der gefährliche Punkt, an den sich die Deneuve mit "Der Flohmarkt von Madame Claire" begibt, ist ihre Darstellung der alten Dame: Die läuft bestgekleidet und mit der adretten Frisur einer Diva über ihr Anwesen, stets eine Zigarette in der Hand; dauerqualmend und in ähnlicher Aufmachung sieht man die Deneuve sonst auch im echten Leben: Sie lässt sich selbst bei Filmfestivals das Rauchen auf der Bühne nicht verbieten und glänzt in der Realität wie auch im Film durch jede Menge Sturköpfigkeit. Deneuve wirkt jedenfalls längst wie ein Abziehbild von sich selbst.

Da hilft es auch wenig, wenn Regisseurin Julie Bertuccelli, die sonst eher für Dokumentarfilme bekannt ist, die Romanvorlage von Lynda Rutledge in solide Bilder übersetzt und dem Charme der unzähligen Antiquitäten aus dem Besitz von Madame Claire erliegt. Die Verfilmung selbst bleibt zurückhaltend und unaufgeregt, bisweilen plätschert die Handlung ohne viel Entschlossenheit vor sich hin. In den Szenen, die Deneuve mit ihrer Tochter Chiara Mastroianni spielt, wird der Film zu einer Aussprache über die Frage, welche Geheimnisse Claire vor ihrer Familie zu verbergen hat. Ein emotionaler Film über eine wunderliche Seniorin - all das ist im Grunde souverän gespielt, aber eben vom Standpunkt einer Kinolegende aus, die niemanden mehr überraschen will.