Viele Wege führen zu einer Erstbegegnung mit der Wiener Staatsoper. Eine Führung etwa: Zum Preis von neun Euro wird der Neuling nicht nur durch die Prunksäle und den raumschiffartigen Technik-Bereich geschleust, er wandert über die Riesenbühne und bekommt nebst einem Schnellkurs in Geschichte womöglich eine launige Schnurre von den Arbeitern aufgetischt. Gilt es Kinder zu beschäftigen, empfiehlt sich der Tag der offenen Tür: Am 1. September lässt die Staatsoper ihre Infotainment-Muskeln spielen und beschert neben Einblicken in den Proben- und Bühnenbetrieb verlässlichen Juniorenspaß in Form einer Schmink- und Verkleidungsstation und technischer Gimmicks.

Die Dokumentation "Backstage Wiener Staatsoper" schläfert die Kulturlust dagegen eher ein als sie zu wecken. Was als Hommage zum 150. Geburtstag des Hauses gedacht war, dürfte selbst hartgesottene Opernnarren vor eine Geduldsprobe stellen. Das "Kraftwerk der Gefühle", so der angedachte Zweittitel, ist hier leider nicht zu bestaunen. Stattdessen erweisen sich die eineinhalb Stunden als spannungsarmer Rundgang durch die Abteilungen des Betriebs.

Ein konzeptloses Zickzack

Stimmt zwar: Um die Kernleistung des Hauses zu würdigen - nämlich allabendlich ein anderes Werk auf die Bühne zu wuchten - gilt es, die Gesamtmaschine Oper vorzustellen. Regisseur Stephanus Domanig, bundestheatererprobt schon durch seine Dokumentation über die Wiener Ballettakademie 2012, verzichtet hier aber auf ein stringentes Konzept und verliert sich bald zwischen den betriebswichtigen Rädchen und Schräubchen. Nach dem Monty-Python-Prinzip "Und jetzt zu etwas völlig anderem" kommen in wirrer Folge etliche Abteilungen zu Wort. Auf das Statement des Streaming-Leiters folgt jenes der Kostümexpertin, nach dem Pressechef wird die Kantinenkellnerin ins Licht gerückt, eine Reinigungskraft schließt sich dem Portier an. Garniert mit PR-tauglichen Fassaden-Aufnahmen kommt jeder zu seiner Ruhmesminute. Prägnant immerhin: Dirigent Marco Armiliato, wie er sich neben einem Probenpianino das Haar föhnt; ein Souffleur, der in seinem Holzkasten aus dem Nähkästchen plaudert ("Oft muss ich nur laut denken, und das genügt vollkommen"); eine Mitarbeiterin, die einen "Traviata"-Einspringer eilig für eine Tanzszene einschult. Das ist witzig, aber zu wenig.

Zwar kommt der Film immer wieder auf die Proben für "Samson et Dalila" zurück, eine starlastige Premiere in der inspirationsarmen Regie von Alexandra Liedtke (2018). Diese Minuten, inflationär unterlegt mit dem Opernhit "Mon cœur s’ouvre à ta voix", bieten aber nur einen Hauch Bühnenluft. So hübsch es ist (zumindest beim ersten Mal), dass die Filmbilder gern zwischen Bühnenmodell und späterer Umsetzung hin- und herspringen: Die Ambitionen der Künstler, ihr Sehnen, Trachten, Scheitern und Reüssieren enthüllen sich nicht. Hätte Domanig seinen Film allein diesem "Samson" gewidmet: Das Gefühlskraftwerk Oper hätte aufleuchten können.