Der ungarische Regisseur Laszlo Nemes hatte mit seinem ersten Spielfilm "Son of Saul" über den Alltag in den Konzentrationslagern die Kritiker begeistert, weil die große Unmittelbarkeit seines Films bis dahin beispiellos war in der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit. Ein ähnlicher filmischer Stil beherrscht auch seine neue Arbeit "Sunset"; erneut rückt Nemes sehr dicht an seine Protagonisten heran, während das Umfeld in Unschärfen oft nur erahnbar bleibt.

Doch im Unterschied zu "Son of Saul" erweist sich die Machart diesmal als wenig passend für die zugrunde liegende Geschichte: Nemes fabuliert in langen 142 Minuten von der jungen Írisz Leiter (Juli Jakab), deren Familie einst ein Hutmacher-Imperium in der ausgehenden k.u.k. Monarchie besaß, aber zu Tode kam. Sie will nun in die Firma einsteigen und erfährt über Umwege, dass sie einen Bruder hat, auf dessen Suche sie sich begibt. Dabei entdeckt sie ein altes Familiengeheimnis, das sie bis in die höchsten Kreise der Donaumonarchie führt.

Ausufernde Struktur

Nemes schafft ein Konglomerat an Hinweisen auf Írisz’ persönliche, aber auch auf allgemeine Befindlichkeiten im Vielvölkerstaat, in dem in dieser Phase nichts mehr so lief, wie es sollte. Ratlosigkeit herrscht vor allem ob der ausufernden Erzählstruktur; "Sunset" ist keine Erzählung, sondern vielmehr eine Szenensammlung, die schön anzusehen sein mag, aber auch viel luftleeren Raum produziert, in dem man sich als Zuschauer auch verlieren kann.