Als "J. R. R. Tolkien" kennt ihn jedes Schulkind. Doch schon am vollen Namen des Fantasy-Autors scheitern so manche. John Ronald, aber was bedeutet das dritte "R" - ein Fall für eine Fernsehquizfrage. In dem 1892 geborene Briten, der später eine Eliteschule und die Universität in Oxford besuchen konnte, brach sich schon früh der Hang zu Fantasy seine Bahn. Und so ist es kein Wunder, dass in Dome Karukoskis Biopic "Tolkien" jede Menge Kohlezeichnungen von Monstern, berittenen Kämpfern und Riesenspinnen John Ronalds Jugendzimmer schmückten.

Reiner Eskapismus? Man würde es fast verstehen. Der Vater verstarb, als John vier war, die Mutter nur wenige Jahre danach. Tolkien, in Südafrika geboren, musste sich emotional auch so durchschlagen, obwohl es ihm dank eines befreundeten Paters und eines Stipendiums für Oxford an nichts fehlte - außer Liebe. Der Film beschränkt sich fast ausschließlich auf die Jugend- und Studienzeit des späteren Autors des "Hobbit" und des epochalen "Herrn der Ringe", sind diese Jahre doch prägend für das Werk. Denn der Erste Weltkrieg, der Tolkien kalt erwischte, als er in Oxford Philologie studierte, sollte sich als traumatisierende und formende Zeit erweisen.

Mit Sam im Schützengraben

Und genau da ist es, wo der Film "Tolkien" von der beschaulichen, ja fast romantischen Biografie zu einem beinharten Kriegsfilm mutiert. Wüste Schlachtszenen, gekonnt gegengeschnitten mit tobenden Monstern, sollen verdeutlichen, woher Tolkien seine Inspiration für so manches Ungeheuer aus dem Mittelerde-Kosmos nahm. Wenn sich aus der Feuersbrunst nach einem Phosphorangriff plötzlich ein Balrog erhebt, also jenes Feuerwesen, dass Gandalf mit in den Abgrund der Flammen reißt, und die Flammenwerfer der gegnerischen Soldaten zu Drachen werden, lässt das an Deutlichkeit wenig übrig. Hier hat jemand seine Kriegstraumata literarisch verarbeitet.

Der Erste Weltkrieg als Rahmenhandlung lässt sich mit ein paar Kniffen auch gut zur Allegorie auf den "Herrn der Ringe" umdeuten. Dass John, im Schützengraben dem Fieber-Delirium nahe, durch alle Gefahren hindurch mit einem Gefreiten namens Sam nach seinem Schulfreund sucht, wird wohl kein Zufall sein. Und so schafften es letztlich nur zwei von vier Menschen aus Tolkiens stützendem Freundeskleeblatt, das einen durch den Film begleitet, lebend von der Schlacht an der Somme zurück.

Der Titan des Genres

"Tolkien" ist ein fesselndes Biopic, das es unaufgeregt und nebenbei schafft, Wissenslücken über den Titan des Fantasy-Genres zu füllen. Das Ganze gekleidet in eine romantische Liebesgeschichte, die von Nicholas Hoult als J. R. R. Tolkien und Lily Collins als dessen spätere Edith Bratt wunderschön gespielt wird. Trotz einiger Lücken in der Biografie und Tolkiens lebenslanger Liebe zu Sprachen, die er im Film quasi durch reinen Zufall nach einem Trinkgelage entdeckt und die in Summe wohl unterspielt ist, schafft es Dome Karukoski, zwei Stunden Filmgenuss auf die Leinwand zu zaubern. Wer sich einen Fantasy-Film erwartet, wird freilich bitter enttäuscht. Außer einem gelegentlich durchs Bild reitenden Kämpfer und den Schlachtszenen an der Somme hat der Film wenig zu bieten. Übrigens: Das zweite "R" im Namen steht, nach Tolkiens Vater, für "Reuel".