"In mir tobt ein Krieg", sagt das melancholische Mädchen, als es in ihrem Pelzmäntelchen durch 15 absurde Kapitel stakst, immer auf der Suche nach einem Schlafplatz. Eine junge Frau, die mit jedem Mann mitgeht, der sich ihr anbietet; mancher davon will Sex mit ihr, die meisten aber brauchen sie bloß als Ansprache, als Gesellschaft in einsamen Zeiten.

"Das melancholische Mädchen", diese scheinbare Komödie, die sich dann doch eher als Tragödie entpuppt, brachte für ihre Regisseurin Susanne Heinrich den Max-Ophüls-Preis in Saarbrücken. Dort wird junges, deutsches Kino gezeigt, mitunter auch solches, das keinen Konventionen folgen will, oder wie hier: Das Konventionen zu brechen versucht, und zwar mit den Mitteln plakativer Erzählform, in bunten, aber nicht zu grellen Farben, in statischen Bildern, in fast geometrischer Anordnung, wie in einem Schaufenster; so werden die gestelzten Dialoge mehr abgehandelt als gespielt, doch das ist blanke Absicht: Heinrich betont mit der Künstlichkeit ihrer Inszenierung ihre große Ablehnung des Systems, das sie in der Welt vorfindet und mit dem auch und vor allem Menschen aus der jüngeren Generation nichts anfangen können, weil sie sich dem System noch nicht ergeben haben.

Unmöglicher Individualismus

Das melancholische Mädchen, übrigens hinreißend interpretiert von Marie Rathscheck, findet schon bald heraus, gegen wen sich der Krieg, der in ihr tobt, tatsächlich richtet: Sie ist als junge Frau ständig mit Klischees und Rollenbildern konfrontiert und erkennt früh, dass wahrer Individualismus gar nicht möglich ist; es ist die Geschichte unseres uniformen Scheiterns vor dem Hintergrund eines seltsamen Glaubens an die Einzigartigkeit unserer Egos. Dies durchschauend, sagt das melancholische Mädchen: "Ich beginne, meine Depression als Politikum zu betrachten. Es ist kein persönliches Versagen, sondern ein strukturelles Problem."

Die Regisseurin, geboren 1985, schildert ihre Geschichte von einer Frau, die einen Schlafplatz sucht, wie ein kleines Philosophicum zu Geschlechterfragen, in das sie feministische Theorien und Kapitalismuskritik ebenso einfließen lässt wie die Ahnung vor der sentimentalen Verkitschung von Lust und Sex als Befreiungsschlag einer unfreien Gesellschaft.

"Wäre das ein Film, hätten wir schon all jene verloren, die sich mit der Hauptfigur identifizieren wollen", sagt das Mädchen gleich in der ersten Szene, nachdem sie erläutert, selbst nur für ein höhepunktloses Dasein zu stehen. "Im Film muss immer etwas passieren, aber melancholischen Mädchen passiert nichts. Sie laufen herum, sie reden, sie haben Sex. Aber das Eigentliche, die Katastrophe, ist immer schon passiert, und jetzt existiert nur noch ein Zustand."

Diesen Zustand weiß Susanne Heinrich mit großem Hang zur Absurdität abzubilden: Sie schickt das melancholische Mädchen zu einem Filmcasting, zu einer Turnstunde mit jungen Müttern und ihren Babys, sie steckt sie zusammen mit einem Prinzen in die Badewanne und lässt sie hippe Ausstellungen besuchen. Sie scheut die Nacktheit nicht, weil es das ist, was uns bei all der bemühten Individualität eint. Nur nicht hineinzupassen in das Schema, das ist das Ziel aller, die sich zum Glück gezwungen sehen. Das endet meist doch nur im Unglück.