Wer es einmal geschafft hat, einen überlebensgroßen Weihnachtsbaum von einem öffentlichen Platz in Neapel zu stehlen, der kann sich getrost auch in anderen Disziplinen versuchen. Zum Beispiel im Verkaufen von Drogen, oder im Eintreiben von Schutzgeld.

Im Süden Italiens ist die Mafia in all diesen Belangen der "Marktführer", da kann es schon auch jungen Menschen wie der Truppe um den 15-jährigen Nicola passieren, dass sie Blut leckt; Macht und Machtgefühle sind verlockend, die schicken Klamotten aus dem Designer-Store, die man sich vom Drogengeld kaufen kann, heben den eigenen Status. In den Clubs der Stadt, die besonders angesagt sind, ist der Eintritt für die Junior-Mafiosi frei, denn sie bringen viel Geld und viele Mädchen. Als sie noch nicht mit den Familienclans der Gegend arbeiteten, blieb ihnen der Zutritt noch verwehrt, aber ihre neuen Freunde öffnen ungeahnte Tore. Das Grundgefühl, dass "La paranza dei bambini" (auf Deutsch: "Der Clan der Kinder") weckt, ist, dass es diese Kinder aus den Armenvierteln Neapels wohl nie zu etwas bringen können, hätten sie nicht die Hilfe der Mafia.

Kein Kavaliersdelikt

Roberto Saviano hat über diese Jugendlichen ein Buch geschrieben. Es ist sein erster Roman, nachdem er mit "Gomorrha", einer fiktiven Reportage über die Mafia in Neapel, weltbekannt wurde. Seither lebt Saviano unter strengem Polizeischutz, es liegen mehrere Morddrohungen gegen ihn vor. In Italien gilt er als Autorität und er äußert sich zu allen möglichen Belangen, aber um seine Person existiert absolute Geheimhaltung.

Seine Feinde wähnt er überall, denn der Mafia gefiel ganz und gar nicht, wie realistisch er ihre Machenschaften beschrieb. Und es ist tatsächlich eine sehr realistisch wirkende Fiktion, die Saviano in "Der Clan der Kinder" schildert: Er zeigt, wie die Straßenkids Neapels zu brutalen Mafiosi werden, weil dieser Nährboden sich so sehr dafür eignet: Hier werden die sozialen Brennpunkte Italiens besonders gut sichtbar: Unter Jugendlichen dominiert die Tristesse einer aussichtslosen Zukunft ohne Bildung und beruflicher Chancen. Sich der Mafia anzuschließen, erscheint als lohnender Ausweg und schneller Weg zu Geld und Ansehen.Das zeigt auch die Verfilmung von Claudio Giovannesi, die sich ihren Protagonisten auf sehr eindringliche Weise nähert und dicht an der Vorlage bleibt, um hautnah das Gefühl einzufangen, das diese Jugendlichen erleben, wenn sie das erste Mal
ein Erfolgserlebnis verspüren als Mitglieder der Mafia. Endlich was gelten.

Die Geschichte dreht sich um diesen Nicola (Francesco Di Napoli), der schnell zum Rädelsführer seiner Gang wird. Er tut alles mit großer Leidenschaft, denn er hat eine Motivation: Seine Mutter muss am Ende eines Arbeitstages in ihrem Laden die Einnahmen an die Schutzgelderpresser der lokalen Cosa Nostra abliefern, und diesen Zustand will Nicola beendet wissen. Also muss er selbst in den Ring steigen, sich Waffen organisieren, um die bisherigen Platzhirschen in seinem Viertel zu vertreiben. Viele nehmen den Teenager nicht ernst, aber bald wird sich zeigen, dass er durchaus in der Lage ist, mit äußerster Brutalität sein Revier zu erobern und zu verteidigen.

In ihm glimmt Wut, aber zugleich will er die Schönheiten des Lebens genießen: Junge Mädchen, die ihn im Club niemals bemerken würden, ändern ihre Meinung, wenn er und seine Burschen plötzlich große Sprüche klopfen und mit dem Geld verschwenderisch umgehen.

"In Neapel sind sie sehr clever, wenn es darum geht, andere für dumm zu verkaufen", lautet eine landläufige Meinung der Italiener über diese Stadt. "Paranza - Der Clan der Kinder" zieht seine Zuschauer in einen seltsamen Bann. Regisseur Giovannesi kombiniert authentische Bilder mit einem fiktionalen Erzählduktus, in dem die Schauspieler mit ganzer Kraft versuchen, Klischees über ihre Heimat und die Mafia zu vermeiden, und das gelingt auch meist.

Es entsteht ein Destillat aus italienischen Eigenheiten, Träumen und Lebensentwürfen, die es zu erforschen gilt. Und das vor dem Hintergrund eines Landes, das zutiefst katholisch ist. Da ist das Verkaufen von Drogen noch eher ein Kavaliersdelikt als das Stehlen des Weihnachtsbaums.