Am 20. Mai 2011, zwei Tage nachdem Lars von Trier in Cannes davon sprach, ein Nazi zu sein, und einen Tag, nachdem ihn das Festival deshalb zur "Persona non grata" machte, trafen wir den dänischen Regisseur zu einem seiner letzten Interviews. Lars hatte beschlossen, danach nicht mehr zu Journalisten zu sprechen, weil er sich missverstanden fühlte.

Uns erzählte er noch von seinem nächsten Film: "Ich will einen Porno drehen, der die sexuellen Erfahrungen einer Frau vom Teenageralter bis zu ihrem 50. Geburtstag umfasst", erklärte er. Es werde eine Hardcore-, aber auch eine Softcore-Version geben, als Zugeständnis an die Finanziers.

Jetzt, drei Jahre später, kommt die Softcore-Version heraus (die umfangreichere Hardcore-Version soll es nur auf DVD geben). Der Porno, den Lars von Trier ankündigte, ist es nicht geworden, auch, "weil man dazu nicht wichsen kann", wie Stellan Skarsgård uns erzählte. Stattdessen beschließt von Trier seine Trilogie zur Verarbeitung seiner eigenen Depressionen, die er mit "Antichrist" und "Melancholia" begonnen hat.

Ist "Nymphomaniac", dessen erster Teil nun anläuft, also die Bewältigung von Seelenqualen, ist er sexuelle Grenzüberschreitung oder das Weiterdenken eines großartigen, ja genialen Oeuvres? Nun, ein bisschen was von allem. Denn von Triers Filme muss man als Gesamtkunstwerk betrachten; er selbst ist längst sein eigenes Label, seine schrillen Kampagnen (in diesem Fall mit Sujets, auf denen die Darsteller im Moment des Orgasmus abgebildet sind), selbst seine Promotion-Auftritte sind Teil seiner Filme, und letztlich auch sein Schweigen. Die Filme sind ohne das Drumherum kaum denkbar; sie hätten für sich alleine, losgelöst vom Kontext ihrer Entstehung und ihrer Thematik, nur die halbe Kraft. Anders gesagt: Ein Film von Lars von Trier ist erst vollendet, wenn man ihn rezipiert hat.

"Nymphomaniac", Teil eins, beginnt in einem Hinterhof: Dort liegt die arg geschundene Joe (Charlotte Gainsbourg) auf dem Boden, als sie ein älterer Herr namens Seligman (Skarsgård) aufliest. Bei sich zuhause erholt sich Joe von ihren Wunden und berichtet ihrem Retter von all den sexuellen Eskapaden, die dieser Szene vorangegangen sind. Sie ist eine Nymphomanin, eine Sexsüchtige, die keine noch so bizarre Form des Geschlechtsverkehrs ausgelassen hat und Seligman nun die Beichte ablegt. Der lauscht andächtig und repräsentiert den Gegenpart zu Joe: Gänzlich desinteressiert an Sex, dafür belesen; seine Lebenserfahrung hat er aus Büchern.

Aus dem Gleichgewicht

Diese Szenen geben dem Film seinen Rahmen. Beide Figuren sind zu gleichen Teilen Lars von Trier selbst; sie geraten miteinander ins Hadern, aber keine gewinnt die Oberhand. Solange sie im Gleichgewicht sind, funktioniert das Leben. Die Balance kippt erst zu Ende des zweiten Teils. Es ist dies der Kern einer Depression, bei der es keineswegs um Sex geht. Teil eins fokussiert nun auf die Jugend von Joe (gespielt von Stacy Martin). Neben all den Genitalien, Sex-Praktiken und erigierten Penissen verhandelt Lars von Trier darin kapitelweise all seine Lebensthemen: Er lässt die Figuren seine Gedanken über Religion, über Glaube, über Schuld und Schuldbewusstsein reflektieren. Nichts davon ist uns neu, alles davon haben wir schon in vielen seiner Filme gesehen. Den Sex inszeniert er gänzlich unerotisch, sodass sich der angekündigte "Porno" als schlichter Marketing-Gag erweist. Im Unterschied zu früheren Arbeiten stößt "Nymphomaniac" keine neuen Grenzen auf im Werk des Lars von Trier.

Es ist ein großer Film. Aber er kommt nicht überraschend.