Wer Ratschläge gibt, muss mit beiden Beinen im Leben stehen, sonst könnte er keine Ratschläge geben, oder? Michael Stone ist so jemand. Ein Motivations-Coach, der von Konferenz zu Konferenz, von Tagungs-Hotel zu Tagungs-Hotel reist, um dort die Botschaft seines Buches "How May I Help You Help Them" zu propagieren. Allein: Mr. Stone ist geplagt von einer Depression, die es in sich hat. Dass nämlich der Kunde dein Freund und Freundlichkeit Trumpf ist, daran glaubt Stone schon lange nicht mehr. All die Hotel-Bars, -Gänge und -Buffets sind daran nicht unbeteiligt. Doch auch für Michael Stone gibt es so etwas wie ein Wunder: In Gestalt von Lisa tritt es unvermittelt in sein Leben; die beiden Fremden verbringen eine Nacht miteinander, in der es zaghaften, aber auch sehr explizit ausgeführten Sex gibt und an deren Ende sogar Zukunftspläne geschmiedet werden - ein Auf- und Ausbruch des Protagonisten aus einem beinahe zum Stillstand gekommenen Hamsterrad.

In Anspielung auf den Namen seiner Protagonistin Lisa nannte Charlie Kaufman seine neue Regiearbeit "Anomalisa", die nach "Synecdoche New York" (2008) seine zweite Regiearbeit fürs Kino ist, diesmal aber nicht als Realfilm, sondern als Animationskunstwerk daherkommt, weshalb sich Kaufman den Regie-Titel mit dem Animationsfilmer Duke Johnson teilt. Beide haben in der Umsetzung von Kaufmans Geschichte, die wiederum auf einem seiner Theaterstücke beruht, auf die Signalwirkung gesetzt, dass Animationsfilm nicht immer etwas für Kinder sein muss. Kaufman, Drehbuchautor von Kultwerken wie "Being John Malkovich" oder "Eternal Sunshine of the Spotless Mind", musste den Film mit Crowdfunding-Geldern finanzieren, so wenig glaubten die Studios an die Idee vom erwachsenen Trickfilm. 200.000 Dollar Fördersumme reichten erst einmal für den Start des Projektes. Alles wurde in penibel verrichteter Handarbeit hergestellt, da der Film die klassische Stop-Motion-Technik nutzt, bei der die Puppen vor der Kamera Bild für Bild verändert und abfotografiert werden.

Ein Hotel wie ein Syndrom

Das systembedingte, leichte Ruckeln der Bewegungen hebt diesen Film angenehm vom animierten Digital-Einheitsbrei ab: Hier ist optisch gar nichts glatt und einwandfrei, genausowenig wie im Dasein der Protagonisten. Im Fall von Michael Stone sind es gar Wahnvorstellungen, die Kaufman andeutet - immerhin steigt Stone im Hotel "Fregoli" ab, das gleichlautend mit dem "Fregoli"-Syndrom aus der Psychiatrie ist und dort Menschen bezeichnet, die andere Menschen in immer wieder veränderten Formen wahrnehmen. Vielleicht ist es auch deshalb der Schauspieler Tom Noonan, der nicht nur Stone spricht, sondern seine Stimme auch gleich dessen Ex-Freundin, dessen Ehefrau und dessen Sohn leiht. Vieles liegt im Argen bei diesem tragischen Held aus "Anomalisa", dem man sein plötzliches Glück nur zu gern gönnen möchte. Die wunderbare Detailverliebtheit der Regisseure spiegelt sich nicht nur in der Ausstattung von Puppen und Dekor wider, sondern auch in ihren geschundenen Seelen: Jede noch so kleine Gefühlsregung im Gesicht von Michael Stone wird hier zum Quell cineastischer Schönheit.