Am Beginn steht dieses Bild, das sich uns allen ins Gedächtnis gebrannt hat. Nach 9/11 sind Flugzeuge, die in Gebäude rasen, der Albtraum der westlichen Welt, sie symbolisieren die Ohnmacht, mit der sich komplexe Gesellschaften vor dem Hintergrund zugrunde gehender Werte und aufkeimender Ängste konfrontiert sehen. Zugleich ist es ein malerisch wunderschönes Bild, wie dieses Flugzeug beinahe in Seelenruhe durch die Häuserschluchten Manhattans steuert, mit brennenden Triebwerken und dann mitten hinein in ein Hochhaus. Die Animation aus dem Computer wirkt beklemmend real, man hat das opulent und bildgewaltig hinbekommen, und die "Schönheit" dieses Shots lässt umso mehr erschaudern.

Just in diesem Moment schreckt der Pilot Captain "Sully" Sullenberger (Tom Hanks) aus seinem persönlichen Albtraum hoch, der ihn seit Tagen quält. Kurz zuvor hatte er am 15. Januar 2009 seinen mit 155 Menschen vollbesetzten Airbus A 320 nach dem Start in La Guardia auf dem Hudson River notgewassert, und alle Passagiere hatten wie durch ein Wunder überlebt. Die spektakuläre Landung hat Sullenberger über Nacht zu einem Superstar gemacht, zu einem Helden, wie es ihn nur in Amerika geben kann. Sullenberger wurde gefeiert, von den Medien und den Überlebenden, als wäre er Superman, der sich in die Lüfte schwingt, und das abstürzende Flugzeug abbremst.

Totalschaden

Doch das war nur die eine Seite der Geschichte: Denn Sullenberger hat auch ein Flugzeug zu Schrott geflogen, als er im Hudson landete. Weshalb die Computersimulationen der Versicherungsgesellschaft nun untersucht, ob er es wieder zurück zum Flughafen geschafft hätte. Ohne die beiden Triebwerke, die von einem Vogelschlag beim Starten außer Gefecht gesetzt wurden. Darum zirkelt nun Clint Eastwoods Aufarbeitung der Geschichte dieses amerikanischen Helden wider Willen, der zugleich vor dem Abgrund steht, weil er womöglich fahrlässig gehandelt hat. Amerika liebt Helden, aber es kann sie auch fallenlassen.

In "Sully" lässt sich diese Ambivalenz vor allem in jenen Szenen spüren, in denen Hanks eher trübe vor sich hinsinniert. Erst nach und nach, in Rückblenden, lässt Eastwood die eigentliche Katastrophe, die vom Vogeleinschlag bis zur Landung nur 208 Sekunden dauerte, vorbeiziehen, und jedes Mal spielt da auch der Schauwert mit; eine atemberaubende Kulisse, dieses Manhattan. Noch einmal erliegt Eastwood dann der Versuchung, seinen Captain tagträumen und wieder eine Maschine wunderschön schaurig in eine Häuserfront eintauchen zu lassen, so geschmeidig wie damals die Jets in den 9/11-Videos. "Sully" läuft auf die Frage der Untersuchungskommission hinaus, ob das Flugzeug hätte gerettet werden können oder nicht, da spielen die geretteten Menschen gar keine Rolle mehr, sondern nur der Materialschaden.

Auch das ist Amerika, und Eastwood, der keinen Hehl aus seiner Vorliebe für Donald Trump gemacht hat, lässt hier seine patriotische Ader durchblitzen: Es geht in diesem Land um Helden, und es geht um Geld. Es geht um aufrechte, korrekte Bürger mit Werten und um das großartige Amerika. Jedoch ist diese Regiearbeit des 86-jährigen Eastwood mehr als Patriotismus. Sie offenbart Brüche im System und sie berichtet von einer weiteren Ohnmacht: Nämlich von der Unfähigkeit des Helden, zu strahlen.