Zum Auftakt ein hochformatiges Handyvideo von einem Hamster, der mit Tabletten vergiftet wird. Dann die Kranperspektive auf eine Baustelle in voller Leinwandbreite. Die Kamera verharrt eine Minute, dann bricht plötzlich ein ganzer Straßenzug hinab in die Baugrube. Bei Michael Haneke passieren Katastrophen immer so undramatisiert. Wie im echten Leben auch.

Mit diesen ersten Einstellungen legt Haneke die Marschrichtung seines Familiendramas fest. "Happy End" ist dabei als Titel wie eine Pointe zu lesen, speziell im Hinblick auf das bisherige Werk des Regisseurs. Da flicht einer gewitzt ein bisschen Ironie zwischen die Zeilen, weil sich die Gesellschaft, von der er erzählt, allzu ernst nimmt und weil sie auch allzu ichbezogen handelt. Hanekes "Happy End" will auf diese Ego-Show der westlichen Welt hinzeigen, und er tut dies, indem er die problembehaftete Geschichte einer bürgerlichen Familie erzählt, die im Norden Frankreichs in üppigem Dekor lebt. Die eigene Baufirma steht nach der Katastrophe vom Filmbeginn zum Verkauf. Anne Laurent (Isabelle Huppert) versucht, den Verkauf abzuwickeln. Ihr Bruder Thomas (Matthieu Kassovitz) ist Arzt und gerade Vater geworden, aber auch außerehelich mit einer Musikerin zugange, der er seitenlange Sex-E-Mails schreibt. Eve (Fantine Harduin), seine 13-jährige Tochter aus erster Ehe, kommt hinter des Vaters Doppelleben und wird schnell zum Dreh- und Angelpunkt; sie macht bald auch gemeinsame Sache mit George (Jean-Louis Trintignant), dem steinalten Patriarchen der Familie, der davon träumt, endlich durch die eigene Hand zu sterben. Ein Familiendrama mit vielen Facetten also, dem Haneke durch das Setting in Calais auch noch eine Prise Flüchtlingskrise einschreibt.

Eve, die einerseits in naiver, andererseits in wohlkalkulierter Boshaftigkeit und Emotionslosigkeit agiert, ist eine der stärksten Haneke-Figuren seit langem, zugleich konzentriert sich der Regisseur zu wenig auf sie. Obwohl das Ensemble der bourgeoisen Niedertracht, die Haneke schildert, zuarbeitet, fehlt es diesmal an Struktur: Haneke will zu viele Fäden zusammenhalten, hat aber zu wenig Substanz in seinen Subplots. Erst in der zweiten Filmhälfte spielt Haneke sein Können ganz groß aus: Allein für die allerletzte Einstellung dieses Films lohnen sich die vorangegangenen 107 Minuten.