Für geübte Thriller-Fans ist der Knackpunkt, auf den Asghar Farhadis neuer Film "Offenes Geheimnis" hinausläuft, nach etwa einer halben Stunde herausgefunden; was aber nicht heißt, dass man dem weiteren Verlauf der Inszenierung nicht gespannt folgen würde (man könnte sich ja auch irren).

Farhadi, dieser mehrfach hochdekorierte iranische Regisseur, der 2011 für "Nader und Simin" und 2017 für "The Salesman" je einen Oscar erhielt, legt mit "Offenes Geheimnis" nun seinen ersten spanischsprachigen Film vor; der Regisseur hat dafür zwei der größten spanischen Stars gecastet, und zwar solche, die auch im US-Markt bekannt sind - all das ist natürlich Kalkül, denn Farhadi schielt offenbar auch bis nach Hollywood.

Penélope Cruz und Javier Bardem, im echten Leben ein Paar, sind in "Offenes Geheimnis" zwei ehemals Verliebte: Ihre Filmfiguren Laura und Paco haben sich vor langer Zeit getrennt und jeweils eigene Familien gegründet, Laura in Buenos Aires, Paco zuhause in Spanien. Genau diese Familien kommen im Film zur groß angelegten Hochzeit von Lauras Schwester Ana (Inma Cuesta) zusammen.

Alte Familiengeheimnisse kommen ans Licht

Bevor sich Laura von Paco trennte, verkaufte sie ihm ihren Anteil am Familienerbe. Das einst für wertlos gehaltene Stück Land verwandelte Paco inzwischen in ein florierendes Weingut, was Luras Vater Antonio (Ramón Barea) sauer aufstößt: Früher beschäftigte er das halbe Dorf, aber inzwischen ist er pleite, wegen seiner Spielsucht. Man sieht also: Es gibt Konfliktstoff.

Das Treffen der Familien beginnt als großes Fest und sieht zunächst nach Idylle aus, als jedoch während der Hochzeit Lauras Tochter entführt wird, entfacht das nicht nur eine beklemmende Suche nach dem Täter, sondern dekonstruiert schrittweise auch die Großfamilie, bei der so manch vergessen geglaubter Schatten aus der Vergangenheit wieder auftaucht.

Farhadi inszeniert seinen Thriller durchwegs packend, aber auch sehr routiniert; "Offenes Geheimnis" bedient, bei allem Arthaus-Anspruch, zuallererst die Sehgewohnheiten eines Krimi-Publikums, das die Konventionen des Genres verinnerlicht hat. Farhadi war immer ein sehr zugänglicher Regisseur, aber dieser Thriller ist bis dato sein mehrheitsfähigster Film geworden, was auch an der Starbesetzung liegen und dem Genre geschuldet sein mag.

Dennoch zeigt sich Farhadis Handschrift umso deutlicher, je länger der Film dauert: Mit den größer werdenden Brüchen innerhalb der Familie konfrontiert, ist es wie schon in "The Salesman" zunächst Gewalt von außen, die die scheinbar funktionierenden Familienbande zerstört. Die Situation eskaliert.

Farhadi verhält sich dabei als Zuschauer: Ein Urteil zu den moralischen Konflikten der Familie gestattet er sich nicht. Und auch die Selbstverständlichkeit, mit der große gesellschaftliche Fragen in seine iranischen Filme eingeflossen sind, fehlt diesmal. Das nimmt dem Film ein gutes Stück seiner Nachwirkung.