Die Kunst erhält uns am Leben

(fan) Im Fokus der bezaubernden Doku über Itzhak Perlman stehen nicht die Karriere, sondern seine Erfahrungen als Polio-Überlebender, jüdischer Emigrant sowie seine Ehefrau Toby, mit der er 50 Jahre verheiratet ist. Die Kamera begleitet das humorvolle, selbstironische Genie mit Familie, Freunden, auf Privat- und Konzertreisen. Er bringt nahe, warum Kunst so unerlässlich für das Leben ist. Seine Geigen-Virtuosität genießt man etwas wenig, doch den Menschen umso mehr.

Itzhak Perlman - Ein Leben für die Musik, USA/ISR 2017
Regie: Alison Chernick.

Entlarvendes Märchen

(greu) Der Knecht Lazzaro ist es gewohnt, von der Familie, für die er am Hof arbeitet, ausgenützt zu werden, die wiederum als Leibeigene der Marquesa de Luna ausgebeutet wird. Die Zeit der Leibeigenschaft ist aber eigentlich längst vorbei, und so konfrontiert Regisseurin Alice Rohrwacher ihre Figuren bald mit der Moderne. Daraus erwächst ein zauberhaftes Märchen, berührend und komisch und die Gesellschaft entlarvend.

Glücklich wie Lazzaro, I 2018
Regie: Alice Rohrwacher. Mit Adriano Tardiolo, Agnese Graziani

Nero als feiger Verbrecher

(fan) "Britannicus" ist eine Tragödie in fünf Akten von Jean Racine. Premiere war am 13. Dezember 1669 im Hôtel de Bourgogne in Paris. Manipulationen, Geheimnisse, Verrat vermischen sich in der Geschichte über die Machtergreifung Neros. Die Inszenierung schafft zwar eine moderne Interpretation, mit beeindruckendem Ensemble. Doch bleibt fraglich, ob, trotz aller Überhöhung, die, historisch als zweifelhaft bezeichneten Verbrechen des Kaisers im Theater noch zeitgemäß sind.

La Comedie Francaise: Britannicus, F 2018
Regie: Stéphane Braunschweig

Ins Gesicht geschrieben

(vf) Es ist teils Kammer-, teils Hörspiel: Das Regiedebüt von Gustav Möller lebt rein von seinem Hauptdarsteller Jakob Cedergren (Holm), seiner Gestik und Mimik - meist in der Totalen. Polizist Holm ist strafversetzt in die Notrufzentrale. Dementsprechend schlecht ist seine Laune. Bis ein Entführungsopfer eindringlich um Hilfe fleht. Der nun beginnende Thriller spielt sich rein über das Telefon ab, nimmt unvorhersehbare Wendungen, die auch Holms Leben beeinflussen werden. Schuld, Angst, Entsetzen, Fehlentscheidungen . . . eine enorme Bandbreite an Gefühlen, gespiegelt im Gesicht und in der Sprache des Antihelden. Ein Kammerspiel, das mit wenig Aufwand durchgehend fesselt.

The Guilty, DK 2018
Regie: Gustav Möller