Nun gut: Tanzhistorisches Wissen ist hier nicht von Nöten, vielleicht sogar hinderlich. Ballettliebhaber braucht man auch nicht zu sein. Aber man muss auf jeden Fall einer der Disney-Filmfans sein, den die Devise "von allem zu viel" nicht abschreckt. Für jene ist die Verfilmung von Peter I. Tschaikowskis Ballettklassiker "Der Nussknacker" zum Disney-Weihnachtsspektakel "Der Nussknacker und die vier Reiche" sehenswert.

Die Regisseure Lasse Hallström ("Chocolat") und Joe Johnston ("Captain America: The First Avenger") greifen tief in die Ballett- und Theatergeschichte-Kiste, mischen Sujets, Epochen und verwenden Zitate aus anderen Tschaikowski-Stücken. Selbst die Erzählvorlage "Der Nussknacker und Mausekönig" von E. T. A. Hoffmann, die von Alexandre Dumas überarbeitet wurde und das Libretto des Balletts ist, erfährt zahlreiche "Anpassungen". Aber Disney darf das.

Clara (Mackenzie Foy) trauert mit ihren Geschwistern und ihrem Vater um den Tod ihrer Mutter Marie. Posthum erhält sie ein Weihnachtsgeschenk ihrer Mutter: Ein silbernes Ei, dessen Schlüssel aber nicht auffindbar ist und Clara zu einer Suche danach bewegt. So kommt sie mithilfe ihres Patenonkels Drosselmeyer (Morgan Freeman) durch den Tannenbaumwald in eine Welt voller Fantasiewesen: Sie begegnet dem Nussknacker-Soldaten Philip (Jayden Fowora-Knight), der sie auch weiterhin auf der Suche nach dem Schlüssel begleitet - dieser hat letztlich eine viel größere Aufgabe, als ein silbernes Ei zu öffnen. Sie trifft auf die Zuckerfee (Keira Knightley), die Königin des Süßigkeitenreichs, auf Hagedorn (Eugenio Derbez), König des Blumenlandes und Schauer (Richard E. Grant), der Regent des Schneeflockenreichs. Die Königin des vierten Reichs ist Mutter Ingwer (Helen Mirren), die es zu bekämpfen gilt, denn sie hat einerseits den Schlüssel gestohlen und ist andererseits eine Bedrohung für die Reiche. Vorerst. Sie ist ferner die Herrin der Mäusearmee sowie einer gigantischen Puppe, die ihr als Schloss dient und von gruseligen Pulcinellas bewacht wird. Doch alles ist ganz anders als vermutet . ..

Star-Aufgebot

Auf Tschaikowskis Partitur wurde nicht gänzlich vergessen: Blumenund Schneeflocken-Walzer oder auch den großen Pas de Deux (hier von Vater und Tochter als Walzer getanzt) sowie das Finale wurden vom Philharmonia Orchestra in London aufgenommen. Soll die Silhouette des Dirigenten Johann Strauß sein? Auch Tschaikowskis Ballettmeisterwerk "Schwanensee" klingt an: So gibt es etwa Throne aus Schwänen. Starpianist Lang Lang spielt die "Nussknacker"-Suite und das von Andrea und Matteo Bocelli gesungene Lied "Fall On Me" tönt im Abspann. Und um die Ballettbezüge nicht zu vergessen, tanzt die erste Solistin des American Ballet Theatre Misty Copeland immer wieder kleinere Szenen mit herausragender klassischer Technik.

Verpackt ist dieses Weihnachtsmärchen in picksüße, opulente Kostüme und Masken. Dennoch verzaubert Disney diesmal nicht, vor allem Mackenzie Foy bleibt eine zu glatte, von Heldengenen freie Clara. An der Riege der Hollywood-Stars liegt die Desillusionierung jedenfalls nicht.