Nach dem Abgang von George W. Bush sind dem dokumentarischen Polemiker Michael Moore beinahe die Themen für seine provokanten Filme ausgegangen; nach großen und berechtigten Erfolgen seiner zynischen Rundumschläge gegen amerikanische Missstände (andere sagen: Grundwerte) wie Waffenbesitz oder Terrorkriege ("Bowling For Columbine", beziehungsweise "Fahrenheit 9/11") ist dieser Kämpfer für das Gerechte, dieser schwergewichtige Robin Hood aus dem öffentlichen Bewusstsein fast verschwunden; er bildete stets den Gegenpart zu jenen, die er kritisierte, und was bei Bush perfekt funktionierte, war bei Obama schon wieder nicht so einfach.

Jetzt hat Moore (endlich?) wieder einen probaten Gegenspieler im Weißen Haus, auf den er sich so herrlich süffisant und intensiv einschießen kann, wie er es eigentlich selbst bei Bush nicht tat. "Fahrenheit 11/9" ist nun nicht auf 9/11 fokussiert, sondern auf den 9. November 2016, in dessen frühen Morgenstunden zur Überraschung aller die Wahl von Donald J. Trump zum US-Präsidenten verkündet wurde. Die offenen, staunenden Münder der ungläubigen Amerikaner über Trumps Sieg bilden den Auftakt zu diesem Pamphlet gegen den amtierenden US-Präsidenten, einem neuerlichen Rundumschlag, der aber nicht allein Trump die Misere zuschiebt, sondern die Verantwortung für Trumps Präsidentschaft auch bei seinen politischen Gegnern sucht und - nach Moore’schen Maßstäben - dies ebenso launig wie zynisch abhandelt. Sogar das verseuchte Wasser, das die Bürger von Moores Heimatstadt Flint, Michigan, jahrelang getrunken hatten, war irgendwie auch Trumps Schuld - und außerdem zugleich auch die von Obama. Wenn es also Missstände gibt, dann ist Moore mit seiner Polemik gnadenlos. Und er ist auch ein Aktivist: Dem Gouverneur von Michigan bringt er etwa eine Tankladung verseuchtes Flint-Wasser zu dessen Villa und spritzt es in seinen Garten.

Mobilmachen

Michael Moore ist also zurück, fast in alter Stärke. Viele seiner Argumente sind stichhaltig, auch, wenn sie mit seriösem Journalismus nichts zu tun haben. Doch das will Moore gar nicht behaupten, wollte er noch nie! Ihm geht es auch und vielmehr um das Aufzeigen und um das Mobilmachen, um das Aktivwerden. Bei dem weltweiten Gegenwind, den Trump entfacht, dürfte es für Moore ein Leichtes sein, genug Gehör für seinen Protestfilm zu finden. In seiner Machart ist "Fahrenheit 11/9" dem gängigen Moore-Schema treu geblieben: Eine große Mischung aus TV-Aufnahmen und News-Material mischt er mit eigenen Recherchen, Auftritten vor der Kamera und Aktionen.

Daraus entwickelt sich auch hier wieder ein überaus unterhaltsamer Film mit etlichen Seitenhieben auf die realpolitischen Verhältnisse in den USA. "Fahrenheit 11/9" trägt sein Anliegen dabei mehr als lautstark vor sich her; er stellt - dem Antlitz Trumps in die Augen blickend - die wirklich wesentlichste aller Fragen: "How the fuck could this happen?"