Das große Schweigen ist im Kino auf der Leinwand ein sehr effektives Stilmittel für Verdeutlichung, für Konzentration, ja, auch für den Bruch mit Sehgewohnheiten im Zeitalter hektischer YouTube-Clips. Ludwig Wüst, dieser Ausnahmeregisseur im heimischen Kulturbetrieb, der sich nicht fassen lässt und der es mit seinen Filmen versteht, jedes Mal ein Faszinosum aufzumachen für sein Publikum - so es ihm folgen will -, haben Schweigen und Einsamkeit schon immer interessiert. In "Aufbruch", einer Geschichte über das Menschsein, kultiviert er das Schweigen und die Stille, die Einsamkeit und die Verlorenheit zur intimen Essenz eines filmischen Minimalismus.

Es spielen Wüst selbst und Claudia Martini. Sie sind zwei Menschen, die sich mehr zufällig begegnen; beide sind enttäuscht worden im Leben, aber davon wird zunächst kaum gesprochen. Sie brechen zu einer Reise auf, die kein Ziel kennt; fest steht nur, dass sie etwas hinter sich lassen müssen. Es beginnt eine Art Roadmovie der Sparsamkeit: Er findet an einem Tag mit zwei Figuren und an nur drei Orten statt. Wüst entschleunigt die Tragödie, ohne dadurch an Brisanz zu verlieren. Mehr noch: "Aufbruch" entwickelt nach einiger Zeit eine fast erschreckende Sogwirkung, die den gebrochenen Menschen in diesem Film und dem Zuschauer den Wert des Menschseins veranschaulicht. Der Titel ist dabei doppeldeutig: Einerseits gieren diese Figuren nach einem Neuanfang, zugleich aber brechen in ihnen auch alte Wunden auf. Ein Stück über das wortlose Leiden unter schmerzvollen Gefühlen.