Der japanische Regisseur Sion Sono wurde heuer in Venedig mit dem "Marcello Mastrioanni-Preis" geehrt. - © epa/ Claudio Onorati
Der japanische Regisseur Sion Sono wurde heuer in Venedig mit dem "Marcello Mastrioanni-Preis" geehrt. - © epa/ Claudio Onorati

Filme sollen Spaß machen und auch jenseits von Logik Vergnügen bereiten. Sie sollen fantastische Welten imaginieren, zum Träumen anregen oder Mitgefühl evozieren, durch das der Zuschauer sich mit den Protagonisten identifizieren kann. In Hollywood hat man sich auf das Sinnferne konzentriert und zahlreiche Superhelden reanimiert, auch wenn dabei ab und zu der Held wegen seiner Heldenhaftigkeit depressiv wurde - was als melancholische Tiefe deutbar war.

Diesem Trend nach Weltrettung bei gleichzeitiger Ichfindung fügen sich jüngere Produktionen aus Asien nicht - trotz aller Erfahrung im Effektkino. Die im letzten Jahr erschienenen Filme gerade namhafter Regisseure aus Japan und Korea zeigen eine ganz andere Tendenz. Sie sind geprägt von einem abgründigen Pessimismus, der auch wegen seiner Gewaltdarstellungen alles andere als sinnfrei ist.

Ringen nach Identität


"Das Leben ist ein Leiden", sagt Shamoto zu seiner Tochter Mitsuko, ehe er sich die Kehle durchschneidet. Die Tochter tritt ihren Vater mit Füßen, fordert ihn auf, aufzustehen. Sie lacht beinahe hysterisch über seinen Todeskrampf. Gleichzeitig beweint sie ihre eigene Ohnmacht. Sion Sono ("Love Exposure") zeigt in "Cold Fish" (Tsumetai nettaigyo), wie ein Familienvater bei dem Ringen nach Identität in einen Strudel der Gewalt gerät, an dem er zugrunde geht.

Shamoto lebt mit seiner zweiten Frau Taego und seiner Tochter aus erster Ehe zusammen und betreibt ein kleines Geschäft für Zuchtfische. Als Mitsuko bei einem Ladendiebstahl erwischt wird, hilft ihr der Geschäftsmann Murata aus der Klemme, der wie Shamoto - jedoch in größerem Stil - mit Tropenfischen handelt. Er bietet Mitsuko einen Job an, die froh ist, der Enge des Familienheims zu entkommen. Auch Taego ist die Veränderung willkommen, da ihre Stieftochter sie nie akzeptiert hat. Sie verfällt sogar den erotischen, nicht gerade zimperlichen Avancen Muratas. Als Shamoto unfreiwillig Zeuge wird, wie Murata einen zahlungskräftigen Kunden umbringt, nachdem er dessen Geld an sich gebracht hat, wandelt sich Shamotos Leben zum Horrortrip: Er wird von Murata gezwungen, zusammen mit dessen Frau Aiko die Leiche zu entsorgen. In einem abgelegenen Waldhaus wird der Tote akribisch zerlegt. Seine Knochen werden verbrannt, das Muskelfleisch und die Innereien zerkleinert und als Fischfutter in einen Fluss geworfen. Shamoto ist beim Anblick der perversen Lust und der Routine der Muratas sofort klar, dass er es mit Serienmördern zu tun hat. Murata erklärt ihm auf existenzialistische Art seine Motive: Jenseits moralischer Vorstellungen habe er immer das getan, was ihm gefallen habe. Wer sich ihm in den Weg stellte, den habe er beiseite geräumt. Um aus Shamoto seinen Nachfolger zu machen, demütigt Murata ihn und seziert psychoanalytisch sein Familienleben. Der Erniedrigte setzt sich zur Wehr, tötet Murata und zwingt Aiko, ihn zu zerlegen. Beim Rollenwechsel scheitert Shamoto allerdings kläglich.

Sonos Film ist als Parabel verstehbar. Murata verkörpert ein gesellschaftliches Über-Ich, das eine pervertierte Ökonomie wie Ökologie vertritt. Der Einzelne muss sich den systemischen Vorgaben des Genießens um jeden Preis anpassen und seine Identität opfern. Shamoto versucht, in Muratas Fußstapfen zu treten und dessen Charakter zu imitieren. In der Rolle des Patriarchen schlägt er seine Tochter bewusstlos und vergewaltigt seine Frau. Diese Armseligkeit des Einzelnen gegenüber dem Gespenst des mächtigen Über-Ichs zeigt dessen ganze Hilflosigkeit.

Wo bei Sono ein Wechsel der Identitäten auf tragische, beinahe Mitleid erregende Weise misslingt, kommt der Protagonist Kim Soo-hyeon in Kim Jee-woos "I Saw the Devil" (Akmareul boatda) einem Wechsel sehr nah. Jee-Woo hat sich für seinen Mix aus Splatter, Horror und Kriminalfilm die bekannten koreanischen Stars Lee Byung-nun, mit dem er schon bei "The Good, The Bad and The Weird" und "A Bittersweet Life" zusammengearbeitet hat, und Choi Min-sik ("Lady Vengeance", "Oldboy") engagiert.

Die schwangere Verlobte des Polizisten Soo-hyeon wird auf äußerst brutale Weise von dem Serienmörder Kyung-chul ermordet, der die Passion hat, junge Frauen zu foltern und zu zerstückeln. Durch ungeklärte Mordfälle, bei denen es eine Reihe von Verdächtigen gab, kommt Soo-hyeon schnell auf die Spur des Täters. Er kann ihn gerade rechtzeitig stoppen, bevor er sein nächstes Verbrechen begeht. Soo-hyeon nimmt den Killer weder gefangen, noch tötet er ihn. Er macht ihn kampfunfähig und befördert eine Sonde in seinen Körper, die es ihm gestattet, Kyung-chul jederzeit aufzuspüren. Jedes Mal, wenn Kyung-chul sich an einem Opfer vergreifen will, wird dies von Soo-hyeon verhindert, der Kyung-chuls Körper dabei nach und nach verstümmelt. Soo-hyeon inszeniert für den Mörder eine private Hölle: ein Sterben auf Raten. Das Katz- und Mausspiel mit dem Polizisten wiederholt sich so lange, bis es Kyung-chul gelingt, die Sonde aus seinen Gedärmen zu entfernen. Aus dem Gejagten wird ein Jäger, der am Umfeld Soo-hyeons Rache übt. Am Ende jedoch lässt der Polizist Kyung-chul durch dessen Familie ohne ihr Wissen hinrichten.