Gleich zur Eröffnung sitzt ein alter Mann mit Kindern am Lagerfeuer und erzählt Legenden. Man glaubt sich ins Mittelalter versetzt, aber dies stellt sich als Irrtum heraus. Überhaupt kann man "Cloud Atlas" kaum mit anderen Filmen vergleichen. Der Roman "Der Wolkenatlas" von David Mitchell, 2006 erschienen, galt als unverfilmbar. Bis sich die Wachowski-Geschwister und ihr Freund Tom Tykwer der kühnen Vorlage annahmen und Halbe-Halbe aufteilten. Sechs unabhängige Geschichten umfassen 500 Jahre. Doch alle Schicksale vernetzen sich zu einem einzigen Abenteuer, deren Helden in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft auf das Engste miteinander verbunden sind. Jede Episode umfasst ein anderes Genre, von Comic, Abenteuer, Drama, Romantik, Komödie, Thriller bis Science-Fiction. Der Rahmen der Lagerfeuer-Erzählung spielt in Wirklichkeit im 24. Jahrhundert. Dann geht es, immer wieder wechselnd, zurück: 1849 lernt der US-Anwalt Adam Ewing (Jim Sturgess) auf einer Seereise den Horror des Sklavenhandels kennen. Als er erkrankt, wird er von einem scheinbar fürsorglichen Arzt (Tom Hanks) betreut.

Im Jahre 2346 macht der Ziegenhirte Zachry (Tom Hanks) durch die Forscherin Meronym (Halle Berry) eine ungeahnte Entdeckung. - © Warner
Im Jahre 2346 macht der Ziegenhirte Zachry (Tom Hanks) durch die Forscherin Meronym (Halle Berry) eine ungeahnte Entdeckung. - © Warner

Durch die Jahrhunderte

Das Reisetagebuch des Anwalts fällt 1936 dem genialen jungen Komponisten Robert Frobisher (Ben Whishaw) in die Hände. Er ist als Assistent des alten Tonsetzers Vyvyan Ayers (Jim Broadbent) tätig und kommt mit ihm wegen seines großen Talents, vor allem mit seinem "Wolkenatlas-Sextett", gewaltig über Kreuz. Forbisher berichtet darüber seinem Geliebten Rufus Sixsmith (James D’Arcy), der wiederum 1973 als Nuklearexperte der aufstrebenden Journalistin Luisa Rey (Halle Berry) bei der lebensgefährlichen Aufdeckung eines Atomskandals hilft. Ihr Manuskript landet 2012 beim Londoner Verleger Timothy Cavendish (Jim Broadbent), der wiederum von seiner bösen Verwandtschaft in ein Altersheim verfrachtet wird. Die Verfilmung seines Ausbruchs in die Freiheit inspiriert 2144 die geklonte Kellnerin Sonmi-451 (Doona Bae) in Neo-Seoul zum geistigen Erwachen und einer Revolution. Sie ist 2346 längst eine Ikone, als die zeitreisende Forscherin Meronym (Halle Berry) mit dem einfachen Schafhirten Zachry (Tom Hanks) in einer postapokalyptischen Welt eine unglaubliche Entdeckung macht. Er fungiert im Alter als der Erzähler.

Bei solch überbordender Komplexität ist es kaum möglich, in die letzten Tiefen von Philosophie bis Esoterik hinabzutauchen. Doch bei dem permanenten Sog des Geschehens bedeutet das kein Manko. Dafür sorgen schon die stets in anderen Masken wiederkehrenden großartigen Schauspieler sowie die famosen Bilder. Das 174 Minuten lange Menschheitsopus der "wandelnden Seelen" reicht in seiner Quintessenz von "Wir sind alle verdammt" bis "Wir gehören alle zusammen", wobei trotz des allgegenwärtigen Bösen letztlich auf Versöhnung gesetzt wird. Man kann "Cloud Atlas" als Jahrhundertfilm bezeichnen. Kultstatus aber wird er wohl erst nach Jahren erreichen, für momentane Breitenwirkung fordert er den Zuschauer zu sehr. Zumindest zweimal Ansehen ist Pflicht bei diesem magischen Kino, das alle Grenzen sprengt.